Karla Pappel im Kino

Die Dokumentation »Verdrängung hat viele Gesichter« dreht sich um Gentrifizierung

Die Initiative »Karla Pappel« wehrte sich 2009 gegen Baum­fäl­lungen zugunsten von Neu­bauten. Ein Film beleuchtet nun die Aus­ein­an­der­set­zungen zwi­schen Akti­visten und Bau­gruppen.

Mehr Frei­räume für die Bürger und weniger Platz für Reiche» wünscht sich Morton Finger für die Zukunft in Treptow. Der hagere Mann mit dem mar­kanten Bart lehnt am Don­ners­tag­abend zufrieden am Tresen im Ber­liner Kino Movie­mento. Dort hatte der Doku­men­tarfilm «Die Ver­drängung hat viele Gesichter» Pre­mière, der die Folgen der Gen­tri­fi­zierung am Bei­spiel des Stadtteil Treptow darlegt.

Morton Finger ist einer der Men­schen, die aus Treptow ver­drängt wurden. Er hat mehrere Jahre auf dem Trep­tower Insel­markt seinen Fahr­rad­laden mit ange­schlos­senen Repa­ra­tur­service betrieben. Doch nachdem der Markt im Frühjahr 2011 schließen musste, fand Finger keinen neuen Platz für sein Gewerbe mehr. Auf dem Grund­stück des Markts stehen mitt­ler­weile die noblen Eigen­tums­woh­nungen einer Bau­gruppe. Innerhalb weniger Jahre haben sich im Stadtteil ein halbes Dutzend Bau­gruppen ange­siedelt. Die Nähe zum Sze­ne­bezirk Kreuzberg und die ruhige Lage machte Treptow für eine gut ver­die­nende Mit­tel­schicht zur attrak­tiven Wohn­gegend. Doch nicht nur die Mieter, auch kleine Laden­be­sitzer und Gewer­be­trei­bende sind von der Auf­wertung betroffen.

Mathias Mehner bereiten die Ver­än­de­rungen in Treptow Pro­bleme. Er betreibt einen kleinen Buch­laden in der Plesser Straße, den er sechs Tage in der Woche offen halten muss. Für Urlaub und Erholung hat er keine Zeit. Nach Abzug von Miete und Steuern bleiben ihm trotzdem gerade mal 5 Euro am Tag. Viele ältere Men­schen, die bei Mehner Bücher kauften, sterben oder ziehen weg.

Manfred Görg gehört zu seinen festen Kun­den­stamm. Der Rentner will in Alt-Treptow bleiben. Daran ließ er auch im Gespräch nach der Film­pre­miere keinen Zweifel. Vom Fenster seiner Wohnung hatte Görg vor fünf Jahren beob­achtet, wie sich regel­mäßig eine kleine Gruppe auf einem Platz traf, um gegen das Abholzen von alten Pappeln zu pro­tes­tieren, die einer Bau­gruppe im Wege standen. Die Gegner dieser Ent­wicklung nannten sich Karla Pappel. «Ich habe die Pro­test­gruppe einige Wochen beob­achtet, dann habe ich mich selber dazu gestellt, weil ich das Anliegen richtig finde, erklärt Görg. Das Abholzen der Pappeln konnte die Gruppe nicht ver­hindern. Doch nach einer län­geren Pause hat sich die Gruppe ent­schlossen, wieder aktiv zu werden. Der per­sön­liche Kontakt war nie abge­rissen, sagt Yves, einer der Jün­geren in der Gruppe. Die Bau­gruppen-Bewohner rund um die Kun­ger­straße dürfte die Nach­richt, dass Karla Pappel wieder aktiv wird, nicht freuen.

In der Doku­men­tation wird deutlich, dass mehrere Bau­grup­pen­mit­glieder sich durch die Pro­teste gestört und belästigt fühlen. Manche erklärten, dass sie die all­ge­meinen Ziele der Gruppe durchaus teilen, die Kritik an den Bau­gruppen aber nicht nach­voll­ziehen könnten.

Für Hanna Löwe ist eine solche Position ein Aus­druck von Dop­pel­moral. Sie ist Fil­me­ma­cherin und arbeitete im Kol­lektiv Schwarzer Hahn mit, das den Film pro­du­zierte. Von den Bau­gruppen war bei der Pre­mière niemand anwesend. Am 5. November soll es eine Vor­führung des Films im Circus Cabuwazi in Treptow geben, wozu sie aus­drücklich ein­ge­laden sind.

Bis zum 21. Oktober läuft der Film täglich um 18.30 Uhr im Kino Movie­mento. Im Anschluss sind Dis­kus­sionen mit Mie­ter­initia­tiven und stadt­po­li­ti­schen Gruppen geplant. Die Termine finden sich unter:ber​lin​gen​tri​fi​cation​.word​press​.com/​a​u​f​f​u​e​h​r​u​ngen/

Peter Nowak