Ist Psychiatrie heute noch Folter?

Eine Einladung nach Berlin macht deutlich, wie unterschiedlich die Ansichten über die Psychiatrie heute noch sind

»Men­schen­rechte und Psych­iatrie« [1] lautete der Titel einer Exper­ten­tagung mit hoch­ka­rä­tiger Besetzung, die am Don­nerstag in Berlin statt­ge­funden hat. Auf Ein­ladung der Deut­schen Gesell­schaft für­Psych­iatrie und Psy­cho­the­rapie, Psy­cho­so­matik und Ner­ven­heil­kunde [2] sprach dort auch der UN-Beauf­tragte zu Fragen des Genozids und Folter, [3]Juan E. Méndez [4].

Er wurde bereits am Eingang Trans­pa­renten emp­fangen. »Will­kommen in Berlin, Herr Méndez« [5] lautete das Motto eines Bünd­nisses von Kri­tikern der aktu­ellen Psych­iatrie in Deutschland. Sie machten auch deutlich [6], dass der Will­kom­mensgruß nur dem UN-Beauf­tragten, nicht aber dessen Gast­geber galten.»Juan E. Méndez hatte eine unge­wöhn­liche Ein­ladung erhalten: eine Orga­ni­sation der Täter, die Deutsche Gesell­schaft für Psych­iatrie und Psy­cho­the­rapie,
Psy­cho­so­matik und Ner­ven­heil­kunde, hatte ihn zum Vortrag über Folter und andere grausame, unmensch­liche oder ernied­ri­gende Behand­lungen oder Strafen in der Psych­iatrie am 19.6.2014 nach Berlin ein­ge­laden«, heißt es auf der Homepage der Psych­ia­trie­kri­tiker.

Folter in der Psychiatrie endlich abschaffen

Doch es sind nicht nur die Psych­ia­trie­er­fahrene und –betroffene, die auch die moderne Psych­iatrie mit Folter in Ver­bindung bringen. So haben 9 Pro­fes­soren, 4 Rechts­an­wälte sowie ein ehe­ma­liger BGH-Richter ein Bündnis gegen Folter in der Psych­iatrie [7] gegründet, in dem sich inzwi­schen 20 Orga­ni­sa­tionen von Men­schen­rechts­ak­ti­visten und Betroffene zusam­men­ge­schlossen haben.

Dieses Bündnis beruft sich nun aus­drücklich auf Juan E. Méndez. Er hat als Son­der­be­richt­erstatter über Folter des UN-Hoch­kom­mis­sa­riats für Men­schen­rechte in der 22. Sitzung des »Human Rights Council« am 1. Februar 2013 Zwangs­be­handlung in der Psych­iatrie zu Folter bzw. grau­samer, unmensch­licher oder ernied­ri­gender Behandlung erklärt [8]. Zudem for­derte Méndez dort von allen Staaten, dass sie »ein abso­lutes Verbot aller medi­zi­ni­schen nicht ein­ver­nehm­lichen bzw. Zwangs­be­hand­lungen von Per­sonen mit Behin­de­rungen« ver­hängen sollen. Dar­unter fällt für ihn aus­drücklich die Anwendung »nicht-ein­ver­nehm­licher Psy­choch­ir­urgie, Elek­tro­schocks und Ver­ab­rei­chung bewusst­seins­ver­än­dernder Drogen, sowohl in lang- wie kurz­fris­tiger Anwendung«.

Die Ver­pflichtung, erzwungene psych­ia­trische Behandlung wegen einer Behin­derung zu beenden, ist »sofort zu ver­wirk­lichen und auch knappe finan­zielle Res­sourcen können keinen Auf­schub der Umsetzung recht­fer­tigen«, mahnte Méndez. In diesem Sinne hat auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in der Ver­gan­genheit öfter geur­teilt [9].

Umdenken bei der Psychiatrie?

Die Akti­visten, die den UN-Beauf­tragten aber nicht dessen Gast­geber in Berlin begrüßten, fordern vom Gesetz­geber, dass endlich die Pos­tulate von Méndez auch in Deutschland umge­setzt werden. »Gewalt­freie Psych­iatrie jetzt« lautete das Motto. Könnte nicht die Ein­ladung des erklärten Folter-Gegners durch die füh­rende Orga­ni­sation der Deut­schen Psych­iatrie ein hoff­nungs­volles Zeichen für ein Umdenken bei den Orga­ni­sa­toren sein?

Rene Talbot, der bei den Ber­liner Psych­iatrie-Erfah­renen aktiv ist, ist davon nicht über­zeugt. Er bezeichnet es als zynisch, dass die Tagung mit dem Titel »Men­schen­rechte und Psych­iatrie« auf der Méndez ein­ge­laden war und auf der eine »ethische Posi­tio­nierung der DGPPN« vor­be­reitet werden soll, aus­ge­rechnet von einem Prä­si­denten der DGPPN, Prof. Wolfgang Maier, eröffnet wird, der ein deut­scher Erb­hy­gie­niker sei. »Die Erb­hy­giene umeti­ket­tiert als ‚psych­ia­trische Genetik‘, die Prof. Wolfgang Maier als Vor­sit­zender der Sektion »Genetics of Psych­iatry« bei der World Psych­iatric Asso­ciation vertrat, war die ideo­lo­gische Grundlage, mit der Ärzte ver­suchten, ihr sys­te­ma­ti­sches Gas­kammer-Mas­sen­morden ab 1939 in Deutschland zu recht­fer­tigen – das Mord­system, das anschließend zum Mas­senmord an Juden, Roma, Sinti und Homo­se­xu­ellen ins besetzte Polen expor­tiert wurde«, so Talbot.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​n​e​w​s​/​I​s​t​-​P​s​y​c​h​i​a​t​r​i​e​-​h​e​u​t​e​-​n​o​c​h​-​F​o​l​t​e​r​-​2​2​3​6​1​8​5​.html

Peter Nowak

Links:

[1]

http://​www​.zwangs​psych​iatrie​.de/​c​m​s​-​6​7​U​N​/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​u​p​l​o​a​d​s​/​2​0​1​4​/​0​6​/​M​e​n​d​e​z​-​D​G​P​P​N.pdf

[2]

http://​www​.dgppn​.de/

[3]

http://​www​.ohchr​.org/​e​n​/​i​s​s​u​e​s​/​t​o​r​t​u​r​e​/​s​r​t​o​r​t​u​r​e​/​p​a​g​e​s​/​s​r​t​o​r​t​u​r​e​i​n​d​e​x​.aspx

[4]

http://​www​.un​.org/​e​n​/​p​r​e​v​e​n​t​g​e​n​o​c​i​d​e​/​a​d​v​i​s​e​r​/​j​u​a​n​m​e​n​d​e​s​.​shtml

[5]

http://​www​.zwangs​psych​iatrie​.de/​2​0​1​4​/​0​6​/​w​i​l​l​k​o​m​m​e​n​-​i​n​-​b​e​r​l​i​n​-​h​e​r​r​-​m​e​ndez/

[6]

http://​www​.zwangs​psych​iatrie​.de/​c​m​s​-​6​7​U​N​/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​u​p​l​o​a​d​s​/​2​0​1​4​/​0​6​/​M​e​n​d​e​z​-​D​G​P​P​N.pdf

[7]

http://​www​.folter​-abschaffen​.de/

[8]

http://​www​.ohchr​.org/​D​o​c​u​m​e​n​t​s​/​H​R​B​o​d​i​e​s​/​H​R​C​o​u​n​c​i​l​/​R​e​g​u​l​a​r​S​e​s​s​i​o​n​/​S​e​s​s​i​o​n​2​2​/​A​.​H​R​C​.​2​2​.​5​3​_​E​n​g​l​i​s​h.pdf

[9]

http://​www​.zwangs​psych​iatrie​.de/​2​0​1​3​/​0​1​/​n​u​n​-​o​f​f​e​n​s​i​c​h​t​l​i​c​h​-​p​s​y​c​h​i​a​t​r​i​e​-​i​s​t​-​n​a​c​k​t​e​-​g​e​walt/

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