Wurden der Banken- und Finanzsektor zum Sündenbock?

Eine Kritik
gän­giger linker Kri­sen­theorien

In Deutschland wird nicht mehr viel über die Wirt­schafts­krise dis­ku­tiert. Schließlich wähnt sich ein Großteil der Bevöl­kerung auf einer Wohl­stands­insel und die Krise ist irgendwie draußen an der euro­päi­schen Peri­pherie. Doch zwi­schen 2008 und 2012 war das noch ganz anders. Schon ver­gessen wird wieder, dass sogar in den Feuil­letons Karl Marx Recht gegeben wurde. In linken Kreisen hoffte man bereits auf »Das Ende des Kapi­ta­lismus, wie wir ihn kennen«, so der Titel eines sehr popu­lären Buches des mar­xis­ti­schen Poli­to­logen Elmar Alt­vater.

Er ist einer von vielen linken Theo­re­tikern, denen das Autorenduo Günther Sand­leben und Jakob Schäfer in einem Buch »Apo­logie von links« vor­werfen. Dort nehmen sie einige bekannte linke Kri­sen­theorien kri­tisch unter die Lupe und zer­pflücken sie. Dabei wider­sprechen sie ent­schieden der These, dass die neo­li­berale Politik und die Macht der Banken und Finanz­märkte die haupt­säch­lichen Kri­sen­ur­sachen waren. Bemer­kenswert ist, dass sie so unter­schied­lichen theo­re­ti­schen Ansätzen wie der links­so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Memo­ran­d­um­gruppe, den Begründer der Neuen Marx Lektüre [Michael Heinrich http://​www​.oeko​no​mie​kritik​.de/], aber auch Autoren der Krisis-Gruppe den Vorwurf machen, sie würden den Banken- und Finanz­sektor von der Real­öko­nomie abheben und ihm eine Macht und einen Ein­fluss unter­stellen, den er nicht ht.

Vom Elend der alter­na­tiven Poli­tik­be­ratung

Am Bei­spiel der Memo­randen der »Arbeits­gruppe Alter­native Wirt­schafts­po­litik« zeigen die Autoren auf, wie eine Gruppe links­so­zi­al­de­mo­kra­ti­scher Wirt­schafts­wis­sen­schafter, die sich theo­re­tisch zwi­schen Keynes und Marx bewegten, zunehmend den Fokus auf die Ban­ken­kritik richtete. Wahrend vorher noch in Spu­ren­ele­menten Ansätze einer Kapi­ta­lis­mus­kritik in den Memo­randen zu finden waren, setzten Sand­leben und Schäfer die Zäsur in den 1990er Jahren an. Seitdem habe die Kritik des Banken- und Finanz­sektors die zen­trale Rolle in den Gut­achten ein­ge­nommen. Die Autoren erklären diese Ent­wicklung mit »dem Elend der alter­na­tiven Poli­tik­be­ratung«. Schließlich sei es den Autoren der Memo­randen immer darum gegangen, in Regie­rungs­kreisen Gehör zu finden. Das fällt schein­barer ein­facher, wenn man in eine Ban­ken­kritik ein­stimmt, die in Deutschland längst nicht nur auf der Linken bald zum guten Ton gehörte.

Dem bekann­testen Theo­re­tiker der Neuen-Marx-Lektüre Michael Heinrich kann man alter­native Poli­tik­be­ratung nun nicht unter­stellen. Im Gegenteil wird Heinrich von vielen seiner Anhänger als Kri­tiker der der linken Keyne­sianer und ihrer Illu­sionen gelobt. Doch Sand­leben und Jakob sehen auch Heinrich auf den Boden des Keyne­sia­nismus. Sie werfen ihm vor allem vor, dass er die Arbeits- und Geld­wert­theorie von Karl Marx für falsch hält. Da hätte man dann doch noch etwas mehr argu­men­ta­tives Futter gewünscht. Denn allen die Tat­sache, dass jemand eine Theorie von Marx für falsch hält, ist noch kein Grund für Kritik. Die Marx­schen Schriften sind keine Bibel und Marx selber hat im Laufe seiner Schaf­fens­phasen auch eigene Thesen wider­rufen. Wenn also Heinrich von Sand­leben und Schäfer mit dem Satz zitiert wird: »Spä­testens seit dem Zusam­men­bruch des Wäh­rungs­systems von Bretton Words in den frühen 70er Jahren kann man jedoch nicht mehr davon sprechen, dass das kapi­ta­lis­tische Geld­system in irgend­einer Weise von einer Geldware abhängt«, hätte man schon gerne erfahren, was an dieser Aussage falsch ist.

Geht der Gesell­schaft die Lohn­arbeit nicht aus?

Der Krisis-Gruppe wie­derum können auch die beiden Autoren keine keyne­sia­nis­ti­schen Illu­sionen nach­weisen. Hier richtet sich die Kritik von Sandleben/​Schäfer an deren Kri­sen­theorie selber: »Die dritte indus­trielle Revo­lution und der Sie­geszug der neuen Infor­ma­tions- und Kom­mu­ni­ka­tions-Tech­no­logien hätten zu einer mas­sen­haften Ver­drängung aus den wert­pro­du­zie­renden Sek­toren geführt. Das Abschmelzen der Wert­basis beinhalte eine struk­tu­relle Über­ak­ku­mu­la­ti­ons­krise, mit der der Kapi­ta­lismus seine Fähigkeit für einen selbst­tra­genden Auf­schwung end­gültig ver­loren habe«. Auch hier sparen die Autoren mit Gegen­ar­gu­menten und meinen die These, dass der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft die Lohn­arbeit ausgehe, mit dem Hinweis erle­digen zu können, dass Hannah Arendt bereits 1958 in ihrem Buch »Vita activa« von einer Zeit schrieb, in der »die Fabriken sich in wenigen Jahren von Men­schen geleert haben werden«. Hat sie damit recht präzise die Ära der Auto­ma­ti­sierung beschrieben?

Recht haben die Autoren, wenn sie einen glo­balen Blick auf die Arbeits­ge­sell­schaft werfen und kon­sta­tieren, dass von einem welt­weiten Ende der Arbeits­ge­sell­schaft tat­sächlich nicht die Rede sein kann. Denn weltweit wächst der Anteil der Men­schen, die in den kapi­ta­lis­ti­schen Arbeits­prozess ein­ge­sogen werden. Darauf haben auch schon Autoren wie Werner Seppmann auf­merksam gemacht, die Sandleben/​Schäfer aller­dings eben­falls als Link­skeyne­sianer bezeichnen würden.

Was die so unter­schied­lichen Theo­re­tiker dazu bringt, den Banken- und Finanz­system eine besondere Macht zuzu­schreiben, ist nach Ansicht der Autoren ihr Bezug auf den sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Öko­nomen Rudolf Hil­ferding, der vor mehr als hundert Jahren mit dem Stan­dardwerk »Das Finanz­ka­pital« zum zen­tralen Theo­re­tiker so völlig unter­schied­licher linker Gruppen wurde, die eine besondere Rolle des Banken- und Finanz­sektors kon­sta­tieren – und dies nicht erst seit der neu­esten Krise. Hil­fer­dings Buch hat übrigens auch Lenin stark beein­flusst und fand Eingang in seine Impe­ria­lis­mus­theorie.

His­to­rische Quellen des Ban­ken­ba­shings werden nicht erwähnt

Im letzten Drittel des Buches ver­suchen die Autoren nach­zu­weisen, dass der Banken- und Finanz­sektor nicht die Macht und den Ein­fluss besitzt, der ihm von den unter­schied­lichen poli­ti­schen Kreisen zuge­schrieben wird. Die Autoren blenden völlig den Aspekt aus, dass die Kritik an der Zir­ku­la­ti­ons­sphäre, also den Handel und den Banken, sehr alt ist und auch immer wieder in der Geschichte oft mit deutlich anti­se­mi­ti­schen Unter­tönen in Kri­sen­zeiten virulent wurde. Könnte nicht die heutige Affir­mation der These von der Macht der Banken und des Finanz­sektors auch aus diesen trüben Quellen fischen?

Unter dem Schlagwort ver­kürzte Kapi­ta­lis­mus­kritik wird diese These in Teilen der poli­ti­schen Linken ver­treten. Darauf gehen Schäfer und Jakob nicht ein. Sie liefern vielmehr im vor­letzten Kapitel eine kurze Erklärung des aktu­ellen Geschehens auf dem Banken- und Ver­si­che­rungs­sektor. Ob die sehr tech­nische Beschreibung nicht stel­len­weise auch in einer Apo­logie mündet, wenn damit der Banken- und Finanz­sektor von jeg­licher Ver­ant­wortung für die Krise frei­ge­sprochen wird, wäre eine Dis­kussion Wert. Gerade, wenn man mit dem Autoren über­ein­stimmt, dass der Banken- und Finanz­sektor nicht von der Real­wirt­schaft getrennt werden kann, müsste dieses Verdikt auch für ihre Rolle in der Krise gelten. Steht nicht im Wider­spruch zu ihrer Theorie, dass die Banken keine besondere Rolle bei der Krise spielen,wenn diese 2008 mit immensen Ret­tungs­schirmen vor dem Zusam­men­bruch bewahrt werden mussten?

Schäfer und Sand­leben schreiben dazu, dass damit der Staat kei­neswegs vor der Macht der Banken kapi­tu­liert hat, »wie links­ori­en­tierte Kri­sen­deuter zu wissen, glaubten, sondern er schützte den gesamten Industrie- und Han­dels­sektor vor einem Kollaps des Kre­dit­systems und des darauf beru­henden Zah­lungs­system«. Dafür werden in einer Fußnote als Quellen der wirt­schafts­li­berale Ökonom Hans Werner Sinn und der ehe­malige Bun­des­fi­nanz­mi­nister Peer Stein­brück ange­führt. Aber wird nicht hier zumindest klar, dass die Banken einen gewissen Ein­fluss haben müssen, wenn ihr Kollaps die beschrie­benen gesamt­ge­sell­schaft­lichen Aus­wir­kungen hätte?

Kri­tisch ist anzu­merken, dass auch Schäfer und Sand­leben sich eines linken Dis­kus­si­ons­stils beflei­ßigen, der vor allem nach­weisen will, dass sie selber recht und alle anderen Unrecht haben. Positiv ist anzu­merken, dass sie sich mit der Materie aus­kennen und einige der Begriffe aus dem Finanz- und Ban­ken­sek­toren, die in der Debatte sehr beliebig ver­wendet werden, gera­de­rücken und klären. Auch dass sie eine Gegenrede gegen die in Deutschland weit­ver­breitete Ban­ken­schelte liefern und nach­weisen, dass die auch in füh­renden Wirt­schafts­kreisen gepflegt wird und nicht mit Anti­ka­pi­ta­lismus ver­wechselt werden sollte, ist ein Plus­punkt.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​b​l​o​g​s​/​8​/​1​55583

Peter Nowak

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[7] http://​www​.oeko​no​mie​kritik​.de/

[8] http://​www​.krisis​.org/

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[10] http://​www​.dhm​.de/​l​e​m​o​/​h​t​m​l​/​b​i​o​g​r​a​f​i​e​n​/​H​i​l​f​e​r​d​i​n​g​R​u​dolf/


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