Kommunismus als zivilgesellschaftliches Ziel

Eine Berliner Diskussionsrunde mit dem »gefährlichsten Philosophen Mitteleuropas«

»Wir sitzen im Thea­terbild von Frontex«, erklärte die Lei­terin des Ber­liner Theaters Hebbel mit Blick auf die eine blau-weiß straf­fierte Welt­karte an der Büh­nenwand. Sie ist Teil der Requi­siten für die Thea­ter­auf­führung des Stücks Frontex Security des Regis­seurs Hans-Werner Kroesinger. Im Zentrum steht dort das Frontex-System, das die Festung Europas gegen die Armen diese Welt schützt.

Am Diens­tag­abend warf der fran­zö­sische Phi­losoph Alain Badiou im Rahmen der Pas­sa­gen­ge­spräche einen anderen Blick auf Welt. Er gehört zu einer kleinen Gruppe von poli­tisch enga­gierten Phi­lo­sophen, die vehe­menten Ein­spruch gegen den aktu­ellen Zustand der Welt äußern.

Nach 1989 schien es so, als würde eine poli­tisch enga­gierte Phi­lo­sophie und Wis­sen­schaft der Ver­gan­genheit ange­hören. Aber spä­testens mit den Inter­ven­tionen von den Theorien Bour­dieus und dem Auf­stand der Zapa­tistas war die TINA-Phase (»There is no Alter­native«) beendet. Mit Stephan Hessel wurde Gesell­schafts­kritik sogar wieder mehr­heits­fähig. Doch Alain Badiou unter­scheidet sich von den Genannten an einem ent­schei­denden Punkt. Er kri­ti­siert nicht nur die aktu­ellen Ver­hält­nisse. Zu ihrer Über­windung hält er am Kom­mu­nismus als Ziel fest.

Kein Ban­ner­träger des Anti­to­ta­li­ta­rismus

An diesem Abend konnte man gut beob­achten, wie schnell eine meist mora­lisch imprä­gnierte diffuse Kritik an den Finanz­märkten und der Glo­ba­li­sierung beliebig und zahnlos wird. Der Leiter des Pas­sagen-Verlags, Peter Engelmann, der seit Jahren Schriften linker fran­zö­si­scher Autoren und somit auch Badiou verlegt, ver­si­cherte immer wieder, wie er nahe er in der Kritik am aktu­ellen Zustand der Welt seinem Dis­kus­si­ons­partner stehe. Mit dem Kom­mu­nismus als Ziel­vor­stellung könne er sich aber nicht anfreunden, solange nicht geklärt sei, warum die bis­he­rigen Ver­suche, ihn ein­zu­führen, gescheitert sind.

Gescheitert ist aber auch das beharr­liche Insis­tieren des Mode­rators René Aguigah, den ehe­ma­ligen DDR-Gefan­genen Engelmann, der von der BRD frei­ge­kauft wurde, als Ban­ner­träger des Anti­to­ta­li­ta­rismus gegen Badiou in Stellung zu bringen. Engelmann ist dafür zu intel­ligent; gele­gent­lichen Ver­suche, die Gestapo und die Stasi in einen Zusam­menhang zu bringen, wurden vom zahl­reich erschie­nenen Publikum eher als Pein­lichkeit, denn als Pro­vo­kation wahr­ge­nommen.

Die drei Etappen des Kom­mu­nismus nach Badiou

Badiou hin­gegen, der vom Feuil­leton der Ber­liner Zeitung schon mal zum »gefähr­lichsten Phi­lo­sophen Mit­tel­eu­ropas« geadelt wurde, konnte sicher nicht alle im Publikum mit seinem Plä­doyer für den Kom­mu­nismus über­zeugen. Aber auch und gerade für seine Kri­tiker war er in keiner Minute beliebig und lang­weilig.

Zunächst teilte er die Geschichte des Kom­mu­nismus in drei Etappen ein. Im 19. Jahr­hundert sei der Kom­mu­nismus die Utopie einer klas­sen­losen Gesell­schaft gewesen, wie sie von Marx, Proudhon und vielen anderen Theo­re­tikern for­mu­liert wurde. Die wich­tigsten Ziele seien die Auf­hebung der Klas­sen­ge­sell­schaft und der Arbeits­teilung sowie ein Absterben des Staates gewesen.

Die zweite Etappe sei durch die Okto­ber­re­vo­lution geprägt gewesen, die Badiou als die erste gelungene Revo­lution nach den vielen geschei­terten und blutig nie­der­ge­schla­genen Arbei­ter­auf­ständen des 19.Jahrhunderts klas­si­fi­zierte. Er benennt aber auch das Dilemma, das in der sieg­reichen Revo­lution schon ihr Scheitern ein­ge­schrieben hat. Lenin habe aus der Nie­derlage der Pariser Kommune die Kon­se­quenz gezogen, dass eine zen­tra­lis­tische Orga­ni­sation nötig sei.

Damit konnte die Revo­lution erfolg­reich sein, doch es sei nicht möglich gewesen, eine demo­kra­tische Zivil­ge­sell­schaft auf­zu­bauen. Weder sei die Arbeits­teilung noch der Staat abge­schafft werden, wie es die Kom­mu­nisten der ersten Phase anstrebten.

Die dritte Phase des Kom­mu­nismus hat für Badiou nach 1989 begonnen. Damit müsse man sich von der Macht eman­zi­pieren und wieder an die Basis gehen. So demen­tierte Badiou auch alle Ver­suche, ihn in die Schublade des Sta­li­nismus oder der Marx-Ortho­doxie zu stecken. Die von ihm vor­ge­schlagene Bewegung von unten, die sich in Streiks, in Beset­zungen und Asam­bleas mate­ria­li­siert, ist durchaus kom­pa­tibel mit Poli­tik­formen, wie sie in der außer­par­la­men­ta­ri­schen Bewegung seit Jahr­zehnten prak­ti­ziert wird, mögen sich die Akteure nun Kom­mu­nisten nennen oder nicht.

Demo­kratie als Herr­schaftsform

Den größten Wider­spruch erntete Badiou für seine Demo­kra­tie­kritik. Dabei betonte er, dass er damit nicht die Voll­ver­samm­lungen und Assam­bleas, sondern die bür­ger­liche Gesell­schaft meinte. Als er dann Demo­kratie als Form der staat­lichen Orga­ni­sierung des ent­wi­ckelten kapi­ta­lis­ti­schen Staats klas­si­fi­zierte, erntete er spontane Zustimmung, aber auch Wider­spruch.

Engelmann konnte nicht ver­stehen, wie man die Fun­da­men­tal­kritik an der Demo­kratie mit Applaus belohnen könne. Wenn Engelmann dann aber selber die Demo­kratie als die beste Form, einen Bür­ger­krieg bzw. einen sozialen Auf­stand zu ver­hindern, bezeichnete, war er zumindest theo­re­tisch gar nicht so weit von Badiou ent­fernt. Als dann in der Fra­ge­runde aus dem Publikum Badiou-Kri­tiker darauf ver­wiesen, dass momentan in der Ukraine gerade für die bür­ger­liche Demo­kratie gekämpft werde, zeigte sich, wie recht der Phi­losoph mit seiner Demo­kra­tie­kritik hat.

Schließlich kämpfen in der Ukraine zwei Macht­blöcke um die außen­po­li­tische Ori­en­tierung des Landes, ob sie näher an der EU oder an Russland sein soll. Doch auf dem Boden der bür­ger­lichen Demo­kratie stehen beide. Auch die staat­liche Repression gegen die Pro­teste ist nicht ein Dementi, sondern Teil der bür­ger­lichen Demo­kratie. Dabei war der Einsatz der Polizei gegen die Blockupy-Pro­teste in Frankfurt/​Main Anfang Juni aller­dings wesentlich härter als momentan gegen die Pro­testler in Kiew.

Wäre nach dem Ende der Pas­sagen-Gespräche einer der zahl­reichen Zuhörer aus dem linken Milieu auf den Gedanken gekommen, Badiou in die Praxis umzu­setzen und die SPD-Bun­des­zen­trale gegenüber dem Hebbel-Theater zu blo­ckieren, hätte man die Demo­kratie in ihrer repres­siven Form sofort beob­achten können. Das wäre ein pas­sendes Ende einer Dis­kussion mit »dem gefähr­lichsten Phi­lo­sophen Mit­tel­eu­ropas« gewesen.

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Peter Nowak

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http://de.wikipedia.org/wiki/Asamblea_%28Occupy-Bewegung%29


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