Geschichte

»Widerstand fängt klein an«

Zwangs­räu­mungen vor 140 Jahren, das Recht auf Rauchen im Tier­garten: Beides gehört zur Geschichte der Arbei­ter­be­wegung. Axel Weipert hat darüber geschrieben

taz: Herr Weipert, Sie haben eine Geschichte der Ber­liner Arbei­ter­be­wegung von 1830 bis 1934 geschrieben. Warum dieser Zeit­rahmen?

Axel Weipert: Damals ent­wi­ckelte sich die Arbei­ter­be­wegung in ihrer gewis­ser­maßen klas­si­schen Form: von den ersten Regungen bis zur weit­ge­henden Zer­schlagung in der Nazizeit. Auch danach gab es noch kleine Wider­stands­zellen, aber als Mas­sen­be­wegung wurde die Arbei­ter­be­wegung erstaunlich schnell aus­ge­schaltet. Im Grunde müsste aber ein zweiter Band folgen – denn nach 1945 gibt es eine span­nende Wei­ter­ent­wicklung. Man denke an die Antifa-Komitees direkt nach dem Krieg, an die Wie­der­gründung der alten Orga­ni­sa­tionen und an die viel­fäl­tigen sozialen Bewe­gungen von Haus­be­setzern und Mie­ter­pro­testen über die Frie­dens­be­wegung bis hin zu Erwerbs­lo­sen­in­itia­tiven.

Die Arbei­ter­be­wegung wird immer mit den Groß­or­ga­ni­sa­tionen wie SPD, KPD sowie den Gewerk­schaften ver­bunden. Welche Rolle spielen diese Orga­ni­sa­tionen in Ihrem Buch?

Eine Geschichte der Arbei­ter­be­wegung kann man ohne eine solche Partei- und Gewerk­schafts­ge­schichte nicht schreiben. Aller­dings habe ich mich bewusst dafür ent­schieden, auch die spon­tanen Wider­stän­dig­keiten mit auf­zu­nehmen – eben weil das oft ver­gessen wird. Erst beides zusammen ergibt ein Gesamtbild. Während spontane Pro­teste unmit­telbar die Bedürf­nisse der Men­schen arti­ku­lieren, liegt die große Stärke der Orga­ni­sa­tionen darin, eine Bewegung auch über Zeiten schwacher Mobi­li­sierung hinweg zu erhalten.

Sie beginnen Ihr Buch mit einer Pro­test­be­wegung, die unter anderem die For­derung auf­stellte: »Und im Tier­garten roochen«. Was hat das mit der Arbei­ter­be­wegung zu tun?

Bert Brecht hat mal geschrieben, man müsse für das Tee­wasser, den Lohn­gro­schen und die Macht im Staat kämpfen. Wider­stand fängt oft mit kleinen Dingen an. So wie in diesem Fall: Die Arbeiter wollten in ihrer spär­lichen Freizeit unge­stört rauchen dürfen. Das haben sie in der Revo­lution 1848 auch durch­ge­setzt.

Sie schreiben über Demons­tra­tionen vor allem junger Erwerbs­loser im Februar 1892, die von der SPD als »Tumulte« abge­lehnt wurden. Ähnlich wurde 1921 auf Pro­teste von Obdach­losen reagiert. Sind solche Distan­zie­rungen ein Grund, warum man in der Geschichts­schreibung von diesen Kämpfen bislang wenig erfährt?

Mit Sicherheit spielt das eine Rolle. Erin­nerung ist ja nicht einfach da, sie wird gemacht und wei­ter­ge­tragen – oder auch nicht. Mitt­ler­weile betrifft dieses insti­tu­tio­na­li­sierte Ver­gessen ja sogar die Geschichte der eta­blierten Groß­or­ga­ni­sa­tionen. In Berlin gibt es seit einigen Jahren keinen Lehr­stuhl für Arbei­ter­be­we­gungs­ge­schichte mehr – bedau­erlich.

Sie berichten aus­führlich über den mili­tanten Wider­stand gegen eine Zwangs­räumung in Berlin, die Blu­men­stra­ßen­kra­walle vor 140 Jahren. Wollen Sie mit Ihrem Buch auch Hin­ter­grund­wissen für die heu­tigen Bewe­gungen liefern?

Wenn mein Buch dazu dienen könnte, heu­tigen Aktiven Ideen, Mut und Selbst­be­wusstsein zu ver­mitteln, würde mich das natürlich freuen. Gerade die lokale Geschichte der eigenen Stadt oder des eigenen Kiezes ist dafür besonders geeignet – so wird Geschichte anschaulich.

Axel Weipert
forscht zur Räte­be­wegung in Berlin. Kürzlich hat er im Ber­liner Wis­sen­schafts­verlag das Buch »Das Rote Berlin – Eine Geschichte der Ber­liner Arbei­ter­be­wegung 1830 bis 1934« her­aus­ge­geben. Er stellt es am heu­tigen Mittwoch um 20 Uhr im Stadt­teil­laden Zielona Gora in Fried­richshain vor.

Interview: Peter Nowak

Erst­ver­öf­fent­li­chungsort:
http://www.taz.de/!425221/

Kommentare sind geschlossen.