Eine halbe Million


Belzec – das ver­gessene Ver­nich­tungs­lager

Auschwitz, Treb­linka, Sobibor, die Namen dieser deut­schen Ver­nich­tungs­lager im von der Wehr­macht besetzten Polen sind in einer grö­ßeren Öffent­lichkeit bekannt. Das 40 Kilo­meter südlich von Zamoscz errichtete Ver­nich­tungs­lager Belzec hin­gegen war lange Zeit weit­gehend ver­gessen. Dabei sind dort zwi­schen Februar und Dezember bis zu einer halben Million Juden sowie Sinti undm Roma ermordet worden. Danach wurde das Lager auf­gelöst und die Täter pflanzten Pflanzen und Gras über der Todes­stätte. Jetzt hat Ber­liner Metropol-Verlag die erste deutsch­spra­chige Unter­su­chung zu Belzec her­aus­ge­geben. Autor ist der pol­nische His­to­riker Robert Kuwalek, der Mit­ar­beiter des Staat­lichen Museums Maj­danek in Lublin ist und von 2004 bis 2009 die Gedenk­stätte Belzec leitete.
Kuwalek ver­steht es in seinem Buch detail­lierte Infor­ma­tionen so dar­zu­stellen, dass sie auch für his­to­rische Laien gut nach­voll­ziehbar sind. In den ersten beiden Kapiteln fasst der aktu­ellen For­schungs­stand zu den Ent­schei­dungs­pro­zessen unter den NS-Eliten zusammen, die zur Ver­nichtung der jüdi­schen Bevöl­kerung führte. Dabei weist er nach, dass die als T4-Aktion bekannten Morde an als Geis­tes­krank erklärten Men­schen der Pro­belauf für die Shoah war.
Anders als die anderen Ver­nich­tungs­lager lag Belzec nicht abseits im Wald sondern an einer zen­tralen Bahn­linie. Daher widmete sich Kuwalek aus­führlich der Frage, was darüber bekannt war. Die Bewohner der Umgebung waren über die Mas­sen­morde infor­miert. Dafür sorgte schon der süß­liche Geruch über dem Areal. Kuwalek zitiert auch aus Berichten von Zug­pas­sa­gieren, die damals auf­ge­fordert wurden, die Fenster in ihren Abteilen zu schließen. Es gab aller­dings vor allem unter den NS-Chargen auch einen Holo­caust-Tou­rismus. Sie berichten darüber auch ihren Familien. Nach 1945 wollten natürlich alle nichts gewusst haben. Auch bei den aus ganz Polen und der heu­tigen Ukraine nach Belzec depor­tierten Juden sprach sich bald rum, dass es sich dabei nicht um eine Durch­gangs­station auf dem Weg nach Osten han­delte, wie die NS-Pro­pa­ganda den Opfern anfangs vor­gau­kelte. Später ver­zich­teten sie auf diese Camou­flage. In meh­reren doku­men­tierten Berichten wird die Bru­ta­lität deutlich, mit denen die deut­schen Täter und ihre ukrai­ni­schen Helfer schon beim Transport mit den Juden umgingen. Ein großer Teil war schon tot, als sie in Belzec ankamen.
Sehr kri­tisch geht Kuwalek auch mit pol­ni­schen Geschichts­mythen in Polen um. So widerlegt er Berichte über Tau­sende in Belzec umge­kom­menen Polen. Zudem hätten Bewohner der umlie­genden Dörfer noch bis Ende der 40 Jahre auf der Suche nach Wert­ge­gen­ständen die Leichen aus­ge­graben. Mit Chaim Hirszman ist einer der wenigen Über­le­benden von Belzec am 19. März 1946 von rechten Unter­grund­gruppen, die gegen die ent­ste­hende Volks­re­publik Polen kämpften, in seiner Wohnung ermordet wurden. Wenige Stunden zuvor hatte er vor einer his­to­ri­schen Kom­mission über seine Erleb­nisse in Belzec berichtet. Hirszman war schon in den 30er Jahren in der sozia­lis­ti­schen Jugend­be­wegung aktiv. Ein eigenes Kapitel widmet Kuwalek dem christ­lichen SS-Mann Kurt Gerstein, der nach einen Besuch in Belzec über die Zustände so erschüttert war, dass er Diplo­maten infor­mierte, um die Welt­öf­fent­lichkeit wach­zu­rütteln. Ver­geblich, Gerstein starb in fran­zö­si­scher Haft, wo er mit NS-Tätern in eine Zelle gesperrt war. Die für die Morde in Belzec Ver­ant­wort­lichen hin­gegen wurden bis auf ganz wenige Aus­nahmen nie bestraft.
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Peter Nowak
Robert Kuwalek, Das Ver­nich­tungs­lager Belzec, Aus dem Pol­ni­schen über­setzt von Steffen Hänschen, Metropol Verlag, Berlin, 2012, SBN: 978–3-86331–089-0, 392 Seiten, 24,– Euro


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