Verdient Judith Butler den Adorno-Preis?

Über die Posi­tionen der post­fe­mi­nis­ti­schen Phi­lo­sophin zu Israel und den Nah­ost­kon­flikt sollte dis­ku­tiert werden, nicht aber über ihre Eignung für den Adorno-Preis

Die poli­tische Theo­re­ti­kerin und Phi­lo­sophin Judith Butler hat vor mehr als einem Jahr­zehnt mit ihren Thesen zur Dekon­struktion der Geschlechter für viel Auf­merk­samkeit gesorgt. In den letzten Jahren macht Butler mehr poli­tische Schlag­zeilen. Im vor­letzten Jahr schlug sie einen Preis des Ber­liner CSD aus und kri­ti­sierte bei den Ver­an­staltern des schwulles­bi­schen Festes ver­schiedene Formen von Ras­sismen.

Jetzt geht es um einen Preis mit einer ganz anderen Bedeutung. Der Phi­lo­sophin soll in Frankfurt/​Main der Adorno-Preis ver­liehen werden, der alle 3 Jahre an Per­sonen gehen soll, die in der Tra­dition der Kri­ti­schen Theorie stehen, die der Namens­geber wesentlich begründet hat. In der Jeru­salem Post heißt es, mit Butler werde eine Befür­wor­terin des Israel-Boy­kotts und eine Unter­stüt­zerin der isla­mis­ti­schen Orga­ni­sa­tionen Hamas und His­bollah aus­ge­zeichnet. In einem Interview mit der Jungle World hat Butler letz­terem Vorwurf schon 2010 klar wider­sprochen und klar­ge­stellt, dass ihre Aus­sagen bei einer Ver­an­staltung zum Krieg zwi­schen Israel und Libanon in Ber­keley falsch inter­pre­tiert worden seien:

»Als Antwort auf eine Frage aus dem Audi­torium habe ich gesagt, dass – deskriptiv gesehen – diese Bewe­gungen in der Linken zu ver­orten sind, doch wie bei jeder Bewegung muss jeder für sich selbst ent­scheiden, ob er sie unter­stützt oder nicht. Ich habe keine der genannten Bewe­gungen jemals unter­stützt, und mein eigenes Enga­gement gegen Gewalt macht es unmöglich, das zu tun.«

Nun wäre auch zu fragen, warum Butler die Isla­misten deskriptiv der Linken zuordnet und ob sie damit eine positive Bewertung oder viel­leicht eine Kritik an der Linken impli­ziert. Eine poli­tische Unter­stützung zumindest will sie damit nicht ver­bunden wissen, aller­dings begründet sie das nicht mit dem reak­tio­nären Pro­gramm der Isla­misten, sondern mit deren Gewalt­be­reit­schaft. Den Vorwurf, einen Israel-Boykott zumindest teil­weise zu unter­stützen, räumt Butler ein, wehrt sich aber ent­schieden dagegen, hierin Anti­se­mi­tismus zu sehen.

In einer in der Zeit ver­öf­fent­lichten Replik auf ihre Kri­tiker schreibt sie:

»Es ist falsch, absurd und schmerzlich, wenn irgend­jemand behauptet, dass die­je­nigen, die Kritik am israe­li­schen Staat üben, anti­se­mi­tisch oder, falls jüdisch, voller Selbsthass seien. … Ich bin eine Wis­sen­schaft­lerin, die durch das jüdische Denken zur Phi­lo­sophie gekommen ist, und ich ver­stehe mich als jemand, der eine jüdische ethische Tra­dition ver­teidigt und diese im Sinne von bei­spiels­weise Martin Buber und Hannah Arendt fort­führt.«

Zwei unter­schied­liche Les­arten des Judentums

Den ent­schei­denden Hinweis zu ihrem Ver­ständnis des Judentums liefert sie mit diesen Satz: »Während meiner Ein­weisung ins Judentum habe ich auf Schritt und Tritt gelernt, dass es nicht hin­nehmbar ist, im Ange­sicht von Unge­rech­tig­keiten zu schweigen.« Dieses Credo prägt viele der Jüdinnen und Juden, die aktuell die israe­lische Politik im Umgang mit den Arabern im Land und den besetzten Gebieten kri­ti­sieren. Für sie heißt die Kon­se­quenz aus den anti­se­mi­ti­schen Ver­fol­gungen, die in der Shoah kul­mi­nierten, alles zu tun, damit nie mehr Men­schen dis­kri­mi­niert werden.

Etwas anders lautet die Schluss­fol­gerung der Gründer und Poli­tiker des Staates Israel. Für sie ist die Kon­se­quenz aus anti­se­mi­ti­scher Ver­folgung und Ver­nichtung, alles zu tun, damit Jüdinnen und Juden nie wieder schwach sind. Sie argu­men­tieren mit der Geschichte nach der Gründung Israels, den Überfall der ara­bi­schen Staaten auf das Land, die teil­weise kri­tiklose Über­nahme anti­se­mi­ti­scher Ver­schwö­rungs­theorien in ara­bi­schen Medien, schließlich das Auf­kommen des Dschi­ha­dismus, was den israe­li­schen Poli­tikern keine andere Wahl lassen würde, als Stärke zu zeigen.

Die Debatte wird seit Jahren mit großer Hef­tigkeit geführt und beide Seiten haben wichtige Argu­mente. Nur ist Butler keine Poli­tikern, sondern eine Intel­lek­tuelle, die mit einem Preis aus­ge­zeichnet werden soll, der den Namen eines Mannes trägt, der für eine ent­schiedene Kritik an der Herr­schaft steht. Daher ist die Auf­regung nicht zu ver­stehen. Man kann ihr den Adorno-Preis ver­leihen und trotzdem über ihre Posi­tionen in der Sache hart streiten.

In diesem Sinne hat der Publizist und Erzie­hungs­wis­sen­schaftler Micha Brumlik, der seine Ein­sprüche gegen alle Formen der regres­siven Israel-Kritik, auch unter links­deut­schen Vor­zeichen, mit einem Plä­doyer für eine inner­jü­dische Kon­tro­verse auch über den Zio­nismus kom­bi­niert, bereits vor einigen Wochen zum neuen Streit um Butler und den Adorno-Preis alles Not­wendige geschrieben. Nachdem er Butler in Bezug auf manche ihrer Posi­tionen zum Nah­ost­kon­flikt bes­ten­falls Nai­vität beschei­nigte, kommt er in Hin­blick auf die Preis­ver­leihung zu dem Fazit:

»So bleibt nur Nach­sicht: Auch Theodor W. Adorno, nach dem der Preis, der Butler allemal gebührt, benannt ist, äußerte sich nicht immer auf der Höhe seines Niveaus, was an seinen Aus­las­sungen zum Jazz sattsam demons­triert worden ist. Wer aber Judith Butler, ihr Denken zu Israel und zum Judentum dort kennen lernen will, wo es wirklich stark ist, sei auf ihren Aufsatz »Is Judaism Zionism?« ver­wiesen, der 2011 in einem Band über »The Power of Religion in the Public Sphere« publi­ziert wurde. Dort plä­diert sie mit Blick auf die unge­bro­chene israe­lische Sied­lungs­po­litik mit Martin Buber und Hannah Arendt rea­lis­tisch für ein neues Nach­denken über einen föde­ralen oder bina­tio­nalen Staat von jüdi­schen Israelis und Paläs­ti­nensern.«
http://​www​.heise​.de/​t​p​/​b​l​o​g​s​/​6​/​1​52687
Peter Nowak


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