Brot und Bagatelle

Bei der Steak­haus­kette Maredo wurde Mit­gliedern des Betriebsrats gekündigt. Als Grund nannte die Geschäft­leitung Eigen­tums­de­likte. Die Beschäf­tigten wurden mit Video­ka­meras über­wacht.

Beschäf­tigte sollten sich über­legen, ob sie während der Arbeitszeit in eine Brot­scheibe beißen, besonders wenn sie Gewerk­schafter sind. Anfang August ent­schied das Arbeits­ge­richt in Frankfurt, dass die Kün­digung von zwei Beschäf­tigten eines Restau­rants der Steak­haus­kette Maredo rechtens ist. Nur in einem Fall wurde die Kün­digung zurück­ge­wiesen. »Maredo besiegt Betriebsräte« titelte die Frank­furter Rund­schau nach dem Prozess. Doch die Aus­ein­an­der­setzung ist damit noch nicht beendet. Begonnen hat sie im November vorigen Jahres, als die Geschäfts­leitung von Maredo nach Angaben der Beschäf­tigten mit Sicher­heits­per­sonal und zwei Rechts­an­wälten unan­ge­kündigt in der Frank­furter Filiale in der Freßgass auf­tauchte. Man habe sie vor die Wahl gestellt, ihre Kün­digung zu unter­schreiben oder wegen Dieb­stahls und Betrugs ange­zeigt zu werden. Die Ein­gänge seien ver­sperrt und die Han­dy­be­nutzung sei ihnen ver­boten worden. 14 Beschäf­tigte haben gegen die Geschäfts­leitung Anzeige wegen Frei­heits­be­raubung und Nötigung erstattet.

Als Gründe für die Kün­digung nennt die Geschäfts­leitung von Maredo Eigen­tums­de­likte und gibt zu, dass sie auf geheime Über­wa­chungs­me­thoden wie Video­auf­zeich­nungen und das Ein­schleusen von ver­deckten Ermittlern zurück­ge­griffen hat. Vor einigen Wochen fand in der Frank­furter Maredo-Filiale eine poli­zei­liche Haus­durch­su­chung zur Sicher­stellung der illegal ent­stan­denen Video­do­ku­mente statt.

Die Beschäf­tigten leugnen nicht, dass sie gele­gentlich zum Weg­werfen bestimmte Brote gegessen und Lei­tungs­wasser getrunken haben. Das Ver­zehren solcher aus­ge­mus­terten Lebens­mittel sei bei Maredo jah­relang tole­riert worden. Erst als die Geschäfts­leitung eine gewerk­schaftlich orga­ni­sierte Beleg­schaft los­werden wollte, sei es zum Eigen­tums­delikt erhoben worden. Auch in der Osna­brücker Maredo-Filiale wurde der Betriebs­rats­vor­sit­zenden Jaqueline Fiedler gekündigt. Ihr wurde vor­ge­worfen, ihren Zweitjob wei­terhin aus­geübt zu haben, während sie mit ärzt­lichem Attest bei Maredo kran­ge­schrieben gewesen sei. Auch in ihrem Fall bestä­tigte das Arbeits­ge­richt die Kün­digung in der ersten Instanz. Dass auf­müp­figen oder gewerk­schaftlich orga­ni­sierten Beschäf­tigten Eigen­tums­de­likte zur Last gelegt werden, um sie los­zu­werden, ist nicht selten. Ein Soli­da­ri­täts­ko­mitee machte 2008 den »Fall Emmely« bun­desweit bekannt. Der gewerk­schaftlich orga­ni­sierten Kas­sie­rerin einer Ber­liner Filiale der Super­markt­kette Kaiser’s war fristlos gekündigt worden, wegen des Vor­wurfs, ­Fla­schen­pfandbons im Wert von 1,30 Euro unter­schlagen zu haben. Die Kas­sie­rerin konnte 2010 in letzter Instanz vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt doch noch einen juris­ti­schen Erfolg ver­buchen und arbeitet wieder in einer Kaiser’s-Filiale. Dazu haben auch die vom Soli­da­ri­täts­ko­mitee initi­ierten außer­par­la­men­ta­ri­schen Pro­teste bei­getragen. Auch die Beschäf­tigten von Maredo gehen seit Monaten auf die Straße. Im Rahmen von Akti­ons­tagen fand am 18. Mai aus Soli­da­rität mit den Beschäf­tigten ein Flashmob vor der Frank­furter Maredo-Zen­trale statt.

In meh­reren deut­schen und euro­päi­schen Städten wurde vor Filialen der Steak­haus­kette pro­tes­tiert. Am Protest betei­ligten sich neben Gewerk­schaften auch Gruppen der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken. In einem Interview mit der Zeit­schrift für sozia­lis­tische Betriebs- und Gewerk­schafts­arbeit, Express, sagte Michael Wei­ßen­feldt, ein Mit­glied des Betriebsrats der Maredo-Filiale: »Das wich­tigste für uns ist die Soli­da­rität und die Unter­stützung durch die Gewerk­schaft.« Daneben ver­weist er auch auf die Unter­stützung durch linke Gruppen. Die Arbeit der Unter­stützer zeigt bei der Gegen­seite Wirkung. Der Rechts­anwalt von Maredo, Jan Tibor Lelley, spricht von einer »seit Monaten lau­fenden Kam­pagne der Beschäf­tig­ten­seite«, die »die Bahnen der nor­malen Rechts­wahr­nehmung bei weitem über­schritten« habe. Eine güt­liche Einigung schließt er daher aus.
http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​2​/​3​4​/​4​6​0​9​8​.html
Peter Nowak