Das Christkind packt keine Pakete


Damit sich das Weih­nachts­ge­schäft lohnt, werden bei Amazon auch Hartz-IV-Bezieher ein­ge­setzt. Man nennt das Prak­tikum.

»Süßer die Kassen nie klingeln als in der Weih­nachtszeit.« Diese etwas abge­griffene Per­si­flage eines Weih­nachts­liedes trifft auf den Inter­net­ver­sand­handel Amazon auf jeden Fall zu. In der Weih­nachtszeit boomt das Geschäft. Zudem bekommt das Unter­nehmen einen Teil der Arbeits­kräfte noch gratis. Möglich wird dieser zusätz­liche Profit durch die Sozi­al­ge­setz­gebung, die es erlaubt, die Arbeit befristet ange­stellter Jobber bis zu vier Wochen weiter mit Leis­tungen durch die Arbeits­agentur statt mit einem bran­chen­üb­lichen Lohn durch das Unter­nehmen zu ver­güten. Offi­ziell wird diese Phase Prak­tikum oder Anlernzeit genannt.

Ein Betrof­fener hatte sich an das Erwerbs­lo­sen­forum Deutschland gewandt, dessen Sprecher Martin Behrsing dieses Vor­gehen öffentlich skan­da­li­sierte. Der Erwerbslose berichtet über die rei­bungslose Koope­ration zwi­schen der Arbeits­agentur und der Per­so­nal­ab­teilung von Amazon in Werne bei Bonn.

Die Erwerbs­losen seien in Gruppen von bis zu 90 Per­sonen direkt in das Unter­nehmen zu einer mehr­stün­digen Infor­ma­ti­ons­ver­an­staltung ein­ge­laden worden. Auch Mit­ar­beiter der Job­center und der Arbeits­agentur seien zugegen gewesen. Nach Angaben des Erwerbs­losen habe man dann die zukünf­tigen Amazon-Mit­ar­beiter zwei Wochen auf Hartz-IV-Basis arbeiten lassen. Bei einer anschlie­ßenden Ein­stellung hätten die Mit­ar­beiter 38,5 Stunden arbeiten müssen, es seien aber nur 35 Stunden bezahlt worden. Den­je­nigen, die diese Form der Aus­beutung nicht mit­machen wollten, sei von der Arbeits­agentur mit Sank­tionen gedroht worden, weil sie dem Arbeits­markt nicht zur Ver­fügung stünden. Ein anderer Erwerbs­loser berichtete, er sei in einer »Rechts­fol­gen­be­lehrung« von seinem Job­center darauf hin­ge­wiesen worden, dass er sank­tio­niert werden könne, wenn er sich weigern sollte, auf Hartz-IV-Basis bei Amazon zu arbeiten. So wurde die Extra­aus­beutung eines Groß­un­ter­nehmens durch die Sank­ti­ons­me­cha­nismen des Hartz IV-Systems abge­si­chert. Zugleich werden damit tariflich bezahlte Arbeits­plätze ver­nichtet. Ein Mit­ar­beiter der Per­so­nal­ab­teilung von Amazon bestä­tigte einem der Leih­ar­beiter, dass die Arbeit von der ersten Stunde an normal bezahlt werde, wenn keine Hartz-IV-Emp­fänger zur Ver­fügung stünden. Doch die Praxis der Arbeits­agen­turen hat bisher für genug Nach­schub an Bil­lig­löhnern gesorgt. Warum sollte das Unter­nehmen dann noch regulär beschäf­tigte Arbeits­kräfte ein­stellen? Nachdem die Pres­se­mel­dungen des Erwerbs­lo­sen­forums kurz­fristig für mediale Empörung sorgten, bezeich­neten Sprecher der Arbeits­agentur die Ver­leih­praxis als einen Fehler, der behoben werden müsse. Dass damit diese Form der staatlich unter­stützten Nied­rig­löhne end­gültig abge­schafft ist, darf bezweifelt werden.

Zudem wurde nach einer Recherche des Fern­seh­ma­gazins »Report Mainz« schnell klar, dass auch an den Amazon-Stand­orten Leipzig und Bad Hersfeld Mini­löhne an der Tages­ordnung waren. Mit­ar­beiter berich­teten dem Sender, dass sie teil­weise über Jahre hinweg immer wieder zeitlich befristete Arbeits­ver­träge bekommen hätten. Die Betrof­fenen wollten aller­dings anonym bleiben. Denn die Furcht gehört bei den Mit­ar­beitern zum Arbeits­alltag. So berich­teten Beschäf­tigte, dass sie trotz Krankheit zur Arbeit erschienen seien, weil sie Angst gehabt hätten, bei Fehl­zeiten nach dem Aus­laufen der Ver­träge nicht wei­ter­be­schäftigt zu werden.

»Der Druck ist groß«, bestä­tigte eine Mit­ar­bei­terin gegenüber »Report Mainz«. Und die Methode von Amazon wird immer beliebter, wie der Jenaer Arbeits­so­ziologe Klaus Dörre bestätigt. Er bezeichnet den Abbau von Voll­zeit­ar­beits­plätzen zugunsten befris­teter Ver­träge als Dis­zi­pli­nie­rungs­in­strument. Diese Ein­schätzung wird indirekt auch von Amazons Per­so­nal­ab­teilung bestätigt. Als Gründe für die Aus­weitung der befris­teten Arbeits­plätze gab diese in »Report Mainz« an, man ver­suche, die Nach­fra­ge­schwan­kungen innerhalb eines Jahres auf­zu­fangen, und wolle besonders enga­gierte Mit­ar­beiter gewinnen. Das Enga­gement der Beschäf­tigten im Sinne des Unter­nehmens steigt aber, wenn wegen unsi­cherer Arbeits­ver­träge die Angst vor dem Job­center stets präsent ist und als zusätz­liches Dis­zi­pli­nie­rungs­in­strument die Druck­mittel der Hartz-IV-Rege­lungen zur Anwendung kommen.

Auch Julian Jae­dicke kann täglich beob­achten, dass die Amazon-Beschäf­tigten unter großem Druck stehen. Er arbeitet als Orga­nizer für die Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft Verdi am Firmen­standort Bad Hersfeld. Von den 5 000 Beschäf­tigten haben 3 000 befristete Arbeits­ver­träge. Dort beträgt die Pro­bezeit, in der die Beschäf­tigten ohne Lohn arbeiten müssen, in der Regel eine Woche. Wenn es viele Arbeitslose gebe, könne die Zeit des Prak­tikums auch zwei Wochen betragen, berichtet Jae­dicke. Min­destens zwei Drittel der Beschäf­tigten seien befristet beschäftigt. Auch Jae­dicke sieht darin ein Instrument zur Dis­zi­pli­nierung. Die Befristung habe dort die Funktion, die in anderen Firmen die Leih­arbeit über­nehme. »Die Leute arbeiten und arbeiten – in der Hoffnung auf einen festen Job«, so Jae­dicke.

Viele Befristete hätten Angst, für ihre Inter­essen ein­zu­treten. »Wenn wir einen festen Arbeits­vertrag haben, werden wir aktiv«, lautet die Devise. Aller­dings ver­sucht Verdi, bei einer Orga­nizing-Kam­pagne alle Mit­ar­beiter anzu­sprechen. Mitt­ler­weile dürften die Orga­nizer die Kantine von Amazon nicht mehr betreten, berichtet Jae­dicke. Aller­dings habe ihre Arbeit schon Erfolge erzielt. »Mitt­ler­weile ver­teilen die Mit­ar­beiter die Gewerk­schafts­ma­te­rialen in der Kantine«, sagt er. Bis Ende November musste die Stamm­be­leg­schaft im Waren­ausgang des Logis­tik­zen­trums zwei Tage Kurz­arbeit machen, Urlaub nehmen oder im ent­spre­chenden Umfang Minus­stunden sammeln, weil vor dem Advent 600 Sai­son­kräfte für den großen Ansturm des Weih­nachts­ge­schäfts qua­li­fi­ziert wurden, berichtete Heiner Reimann vom Projekt »Handel und Logistik Bad Hersfeld« von Verdi. Der Betriebsrat des Inter­net­kauf­hauses habe der Kurz­arbeit wider­willig statt­ge­geben, weil er befürchtete, dass die Fir­men­leitung sonst wie schon in der Ver­gan­genheit zum Mittel des Schicht­abbruchs greifen könnte. Mehrere hundert Mit­ar­beiter der Stamm­be­leg­schaft seien bezüglich der Frage, wie sie den Wunsch der Geschäfts­leitung erfüllen, auf sich alleine gestellt gewesen, moniert Jae­dicke.

Aller­dings haben sie in der letzten Zeit Unter­stützung von uner­war­teter Seite bekommen. Inter­net­nutzer orga­ni­sierten sich als kri­tische Kunden und zeigten Soli­da­rität mit den Amazon-Beschäf­tigten. So kün­digten mehrere Kunden ihre Konten bei dem Inter­net­versand aus Protest gegen die Dum­ping­lohn­be­din­gungen. Einige gesell­schafts­kri­tische Blogs wie die »Nach­denk­seiten« oder »Der Spie­gel­fechter« haben ihre Part­ner­pro­gramme mit Amazon​.de gekündigt. Bei den »Nach­denk­seiten« will man weder bei eigenen noch bei auf der Seite emp­foh­lenen Büchern auf Amazon ver­linken. »Vor allem im Vor­weih­nachts­ge­schäft sollte Amazon schmerzlich am eigenen Leibe erfahren, dass es auch wirt­schaftlich von Nachteil sein kann, wenn man sich durch Geset­zes­lücken auf unso­ziale Art und Weise Vor­teile ver­schaffen will«, schreibt Spie­gel­fechter-Blogger Jens Berger.
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Peter Nowak

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