Zeitgeist statt Politik

Die Occupy-Bewegung stößt in Deutschland an ihre Grenzen

In meh­reren Städten in Deutschland gingen am Samstag Tau­sende Men­schen auf die Straße, um gegen die Kri­sen­lö­sungs­mo­delle zugunsten der großen Banken zu demons­trieren. Dabei gehen wie üblich die Mel­dungen über die Teil­neh­mer­zahlen weit aus­ein­ander. Nach Poli­zei­an­gaben waren in Berlin 1000 und in Frankfurt/​Main 2500 Men­schen auf der Straße. Die Ver­an­stalter gaben hin­gegen für die Main­me­tropole 5000 und für die Haupt­stadt 3000 Demons­tranten an.

Dort hatte ein Bündnis unter dem Motto »Die Krise heißt Kapi­ta­lismus« mit kon­kreten sozi­al­po­li­ti­schen For­de­rungen auf­ge­rufen, in dem ver­schiedene linke Gruppen, aber auch die Links­partei und die Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di ver­treten sind. Das Kri­sen­bündnis hatte in den ver­gan­genen zwei Jahren mehrmals Demons­tra­tionen orga­ni­siert, zuletzt im November 2010. Die Occupy-Pro­teste haben zu einer Reani­mierung des Bünd­nisses geführt. Dabei gibt es aller­dings über die Beur­teilung dieser neuen Pro­teste unter­schied­liche Ein­schät­zungen. Während einige Gruppen vom Beginn einer neuen eigen­stän­digen Bewegung sprechen, deren Eigen­dy­namik ernst zu nehmen sei, gehen andere davon aus, dass sie eher ein Medi­enhype als eine macht­volle Bewegung ist.

Auch in ihrer Hochburg Frankfurt/​Main stößt die Mobi­li­sie­rungs­fä­higkeit der Occupy-Bewegung an ihre Grenzen. Dass der harte Kern der Akti­visten beschlossen hat, das Camp an der EZB zu ver­längern, dürfte der milden Wit­terung und der Eigen­dy­namik des Camp­kosmos geschuldet sein. Für viele Akti­visten handelt es sich um ein ein­schnei­dendes Ereignis, das mög­lichst lange erhalten bleiben soll. Dabei spielen eher grup­pen­dy­na­mische Pro­zesse als poli­tische Erwä­gungen die zen­trale Rolle. Ein wich­tiges Zeichen dafür ist die Her­aus­bildung einer eigenen Cam­pi­den­tität, wie sie gerade bei der Occupy-Bewegung zu beob­achten ist. Dazu gehört das viel­zi­tierte mensch­liche Mikrophon, bei dem die Teil­nehmer einer Ver­sammlung die Worte des jewei­ligen Redners nach­sprechen. Was aus einer Notlage ent­standen ist, weil den Campern in den USA das Benutzen von Mikro­phonen ver­boten war, wurde bald zum heftig ver­tei­digten Mar­ken­zeichen der Camp­be­wegung. Aller­dings fiel mitt­ler­weile vielen Besucher der Camps auf, dass diese Art der Kom­mu­ni­kation auch eine bestimmte Herr­schafts­technik ist. Es wird ein Gemein­schafts­gefühl erzeugt und ver­stärkt, wenn man auch Posi­tionen, die man selber ablehnt, nach­sprechen soll, grund­le­gende inhalt­liche Aus­ein­an­der­set­zungen sind mit dieser Methode aber kaum möglich.

Res­sourcen statt Politik, Ideo­logie und Geld

Mitt­ler­weile wird darüber dis­ku­tiert, dass »obskure« Gruppen in der scheinbar so spon­tanen Bewegung Ein­fluss zu nehmen ver­suchen. So stellte sich heraus, dass der Sprecher des Frank­furter Camps, der es sogar in die Tages­schau geschafft hatte, gute Bezie­hungen zu der 2008 gegrün­deten Zeit­geist­be­wegung hat, die sich für eine Abkehr von jeder Politik und Ideo­logie ein­setzt und das Ziel einer »res­sour­cen­ba­sierten Wirt­schaft ohne Geld« ver­folgt. Mit Filmen werden in der letzten Zeit besonders intensiv die Zeit­geist-Ideen ver­breitet, die auf Jacque Fresco und sein Venus-Projekt zurück­gehen. Kri­tiker warnen vor ver­schwö­rungs­theo­re­ti­schen und struk­turell anti­se­mi­tische Ten­denzen in den Filmen und der Bewegung.

Die Abneigung vieler Akti­visten gegen jeg­liche poli­tische Orga­ni­sa­tionen und Ideo­logien kommt den Inten­tionen dieser Bewegung ent­gegen und wird von ihr auch stark gefördert. So gehörte der Frank­furter Sprecher zu denen, die immer besonders auf die Unab­hän­gigkeit der Occupy-Bewegung vor allem zu linken Bewe­gungen, aber auch zu Par­teien und Gewerk­schaften pochte.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​b​l​o​g​s​/​8​/​1​50729

Peter Nowak

Karl Kraus

Der Wiener Schrift­steller Karl Kraus leistete mit seiner Sprach­kritik einen wich­tigen Beitrag zur Analyse der poli­ti­schen Ver­hält­nisse in Öster­reich zwi­schen 1900 und 1936.

In der von ihm selbst her­aus­ge­ge­benen Zeit­schrift Die Fackel gelang es ihm, den auto­ri­tären Cha­rakter kenntlich zu machen, den die kapi­ta­lis­tische Gesell­schaft in allen Kreisen der Gesell­schaft her­vor­ge­bracht hatte. Das Straf- und Rache­be­dürfnis gegenüber Oppo­nenten und Min­der­heiten und der immer stärker her­vor­bre­chende Anti­se­mi­tismus werden in seinen Texten bloß­ge­stellt. Die Ger­ma­nistin Irina Djassemy ana­ly­siert seine Texte mit dem theo­re­ti­schen Rüstzeug der Frank­furter Schule. »Karl Kraus‘ Stärke gegenüber den bloßen Mora­listen besteht nicht zuletzt darin, dass er bei den vom ihm kri­ti­sierten Ver­tretern bestimmter Berufe, z.B. bei Poli­zisten und Jour­na­listen, auch das berück­sichtigt, was er das System nennt: die Arbeits­be­din­gungen und den orga­ni­sa­to­ri­schen Aufbau der Insti­tu­tionen«, schreibt Djassemy. In vielen seiner frühen Glossen ist der Mel­de­zettel für Kraus das Symbol für eine auto­ritäre Gesell­schaft, die dem Staat und den Nachbarn die Mög­lichkeit gibt, im Pri­vat­leben ihrer Mit­men­schen zu schnüffeln. Dabei ist Kraus kei­neswegs blind für die Klas­sen­ver­hält­nisse der mon­ar­chis­ti­schen Habs­bur­ger­dik­tatur. Anhand der Werke »In dieser großen Zeit« und »Die letzten Tage der Menschheit« zeigt die Autorin, wie Kraus die Ver­lo­genheit der Gesell­schaft im Ersten Welt­krieg durch seine Sprach­kritik ent­larvt. Der Buch­ausgabe von »Die letzten Tage der Menschheit« vor­an­ge­stellt ist ein Foto des von der öster­rei­chi­schen Mili­tär­justiz zum Tod durch Erhängen ver­ur­teilten ita­lie­ni­schen Publi­zisten und sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Poli­tikers Cesare Bat­tisti. Für Kraus ist es ein Bei­spiel für »das öster­rei­chische Antlitz«, das in den Kriegs­jahren häufig sich stolz ihrer Taten rüh­mende Henker in Aktion zeigte. Der Autorin gelingt es mit ihrer Analyse des Werkes von Karl Kraus, die geistige Ver­fassung einer Gesell­schaft auf dem Weg in die nazis­tische Bar­barei deutlich zu machen.

Irina Djassemy: Die ver­fol­gende Unschuld. Zur Geschichte des auto­ri­tären Cha­rakters in der Dar­stellung von Karl Kraus. Böhlau Verlag, Wien 2011. 266 Seiten, 35 EUR

http://​www​.akweb​.de/​a​k​_​s​/​a​k​5​6​5​/​0​1.htm

Peter Nowak

Bloßer Aktionismus

Kaum hat das neue Semester begonnen, schon wird auch wieder über die Bil­dungs­pro­teste gesprochen. Bun­des­weite Pro­teste sind für den 17. November geplant. Mit dem Motto »Occupy Edu­cation« soll an die neue Bewegung ange­knüpft werden, die aus­gehend von Spanien, Israel und den USA nun auch vor dem Reichstag in Berlin und der Euro­päi­schen Zen­tralbank (EZB) in Frankfurt am Main ihre Zelte auf­ge­schlagen hat. Aller­dings ist die Occupy-Bewegung hier­zu­lande mehr ein Medi­en­er­eignis als eine starke Bewegung. Wenn sich die Bil­dungs­pro­teste einfach anschließen, wäre es eher die Fort­setzung des Aktio­nismus. Dabei sollte bei neuen Aktionen auf die Erfah­rungen in den letzten Semestern ange­knüpft werden und man muss sich dabei die Frage stellen, warum die Pro­teste letztlich sta­gnierten und sich nicht wie erhofft aus­wei­teten.

In der nach­denk­lichen Parole »Wir werden doch eh nichts ändern«, mit der eben­falls zu den neuen Bil­dungs­pro­testen auf­ge­rufen wird, werden diese Erfah­rungen reflek­tiert. Dass ist auf jeden Fall eine bessere Grundlage als bloßer Aktio­nismus. Dass viele Stu­die­rende nicht eine abs­trakte Ban­ken­kritik sondern ihre kon­krete Lebens­rea­lität zum Protest reizt, zeigte sich in Frankfurt am Main. Dort hatten am 20. Oktober Stu­die­rende und Schüler ein leer­ste­hendes Gebäude in der Schu­mann­straße 60 besetzt, um auf ihre schlechte Woh­nungs­si­tuation auf­merksam zu machen. Viele Erst­se­mester müssen in Turn­hallen oder auf der Couch bei Bekannten über­nachten. Die nach Augen­zeu­gen­be­richten brutale Räumung des Gebäudes hat zu Pro­testen auf dem Campus geführt und damit mehr zu einer Revi­ta­li­sierung der Bil­dungs­pro­teste bei­getragen als ein abs­trakter Bezug auf die Occupy-Bewegung es je könnte.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​9​8​6​6​.​b​l​o​s​s​e​r​-​a​k​t​i​o​n​i​s​m​u​s​.html

Peter Nowak

Modischer Schick für die Szene

Neuer „Thor-Steinar“-Laden in Berlin – zivil­ge­sell­schaft­liches Bündnis plant Pro­test­kund­gebung.

Am mor­gigen Freitag soll in der Ber­liner Allee in Berlin-Wei­ßensee ein Kla­mot­ten­laden mit dem Namen „Tønsberg“ eröffnet werden. Betreiber ist die Skytec GmbH, die als Betreiber der in der rechten Szene beliebte Mode­marke „Thor Steinar“ bekannt wurde. Sie hat mitt­ler­weile ihre Stamm­kunden per Post­wurf­sendung über die Neu­eröffnung infor­miert. Doch schon vor einigen Tagen wurden Nachbarn auf den Laden auf­merksam. Der Van, aus dem Waren in den Laden trans­por­tiert worden waren, wurde bereits zuvor vor anderen „Thor-Steinar“-Läden gesichtet.

In Wei­ßensee musste bereits 2005 der rechte Sze­ne­laden „Nordic Thunder“ nach jah­re­langen juris­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zungen und poli­ti­schen Pro­testen schließen. Bereits zur Eröffnung des neuen Geschäfts plant ein zivil­ge­sell­schaft­liches Bündnis am Frei­tag­vor­mittag eine Pro­test­kund­gebung vor den Räum­lich­keiten.

Annika Eckel von der Mobilen Beratung gegen Rechts­ex­tre­mismus Berlin (mbr) erklärte gegenüber bnr​.de, man biete den Ver­mietern Beratung an, wenn sie aus dem Vertrag mit den Betreibern des rechten Ladens aus­steigen wollten. Da es noch keinen Kontakt gibt, ist Eckel aber der Wortlaut des Ver­trages nicht bekannt. Davon hängen die juris­ti­schen Chancen einer schnellen Kün­digung ab.

http://​www​.bnr​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​a​k​t​u​e​l​l​e​-​m​e​l​d​u​n​g​e​n​/​m​o​d​i​s​c​h​e​r​-​s​c​h​i​c​k​-​f​u​e​r​-​d​i​e​-​szene

Peter Nowak

Rechte Klamotten am Jüdischen Friedhof

PROTEST In Wei­ßensee eröffnet heute ein Thor-Steinar-Laden. Antifa und Linke rufen zur Demo

Ber­liner Anti­fa­schis­tInnen mussten heute wieder einmal früh auf­stehen: Für 9 Uhr hat ein Bündnis, in dem neben Anti­fa­gruppen auch die Links­partei und die Grünen ver­treten sind, zu einer Kund­gebung in die Ber­liner Allee 11 in Wei­ßensee. Dort soll vor­mittags ein Beklei­dungs­laden mit dem Namen »Tønsberg« eröffnen. Betreiber ist die Skytec GmbH, die die in der rechten Szene beliebte Mode­marke Thor Steinar betreut. Der Standort befindet sich in der Nähe des Jüdi­schen Friedhofs Wei­ßensee, des größten Deutsch­lands.

Erst wenige Tage vor der Eröffnung sei man durch Zufall auf die geplante Neu­eröffnung auf­merksam geworden, erklärte Martin Son­nenburg von der Anti­fa­schis­ti­schen Initiative Nord-Ost, die gemeinsam mit North East Antifa (NEA) seit Jahren im Kiez aktiv ist, gegenüber der taz. »Das Auto­kenn­zeichen eines Vans, aus dem Waren in den Laden trans­por­tiert wurden, war aus anderen Thor-Steinar-Läden bekannt.« Mitt­ler­weile wurden die Bestands­kunden von Thor-Steinar per Post­wurf­sendung von der Skytec GmbH über die Neu­eröffnung infor­miert.

In Wei­ßensee gab es bereits eine Aus­ein­an­der­setzung um den rechten Sze­ne­laden »Nordic Thunder«, der 2005 schließen musste. Im ver­gan­genen Jahr musste auch ein Thor-Steinar-Laden im Bezirk Mitte nach langen juris­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zungen und viel­fäl­tigen zivil­ge­sell­schaft­lichen Pro­testen die Räume ver­lassen. Ein Thor-Steinar-Laden in Fried­richshain darf nach einem Gerichts­be­schluss unter neuem Namen bis 2015 bleiben. In Wei­ßensee hofft die Antifa auf ein schnelles Ende des Ladens. Des­wegen wurde kurz­fristig zur Kund­gebung auf­ge­rufen. Annika Eckel von der Mobilen Beratung gegen Rechts­ex­tre­mismus Berlin (mbr) erklärte, man werde dem Eigen­tümer des Hauses Beratung anbieten, wenn er aus dem Vertrag mit dem rechten Laden aus­steigen wolle. Da es noch keinen Kontakt zum Ver­mieter gebe, ist Eckel auch der Wortlaut des Ver­trags noch nicht bekannt. Von dem hängt ab, ob eine vor­zeitige Kün­digung juris­tisch möglich ist.

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2011%2F10%2F28%2Fa0155&cHash=9831f12b2d

Peter Nowak

Schlupfloch für die Zwangsbehandlung

Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richtes stärkt die Rechte psy­chisch kranker Straf­täter
Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt erklärte kürzlich das baden-würt­tem­ber­gische Gesetz über die zwangs­weise medi­zi­nische Behandlung psy­chisch kranker Straf­täter teil­weise für nichtig. Es gab damit einem Kläger aus Baden-Würt­temberg recht, dem – seit 2005 im Maß­re­gel­vollzug – gegen seinen Willen ein Neu­ro­lep­tikum gespritzt werden sollte.

ND: Handelt es sich um das erste Urteil des höchsten Gerichts zur Zwangs­be­handlung?
Seibt: Bereits im März 2011 hatte das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt den ent­spre­chenden Passus des rheinland-pfäl­zi­schen Lan­des­ge­setzes über den Vollzug frei­heits­ent­zie­hender Maß­regeln für nichtig erklärt. Auch in diesem Fall ging es um die Zwangs­be­handlung.

Stützt sich das Gericht dabei auch auf inter­na­tionale Ver­träge, wie die Men­schen­rechts­kon­vention?
Nein, es stützt sich in dem Urteil aus­schließlich auf das Grund­gesetz. Die Zwangs­be­handlung ist ein unver­hält­nis­mä­ßiger Ein­griff in die durch Artikel 2, Absatz 2, Satz 1 des Grund­ge­setzes geschützte kör­per­liche Unver­sehrtheit, argu­men­tieren die Richter. Dabei hat sie wohl unser Gut­achten über­zeugt, in dem wir nach­ge­wiesen haben, wie schädlich die Zwangs­be­handlung ist und wie viele Todes­fälle daraus resul­tieren.

Gibt es auch in anderen Bun­des­ländern Gesetze, die eine Zwangs­be­handlung erlauben?
Die gibt es in allen Bun­des­ländern und sie gelten so lange, bis ein Betrof­fener aus dem jewei­ligen Bun­desland dagegen klagt. Ein Jurist aus Nie­der­sachsen hat schon erklärt, dass das Maß­re­gel­gesetz dort fällt, wenn ein Betrof­fener es schafft, mit seiner Klage vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zuge­lassen zu werden.

Aber ein gene­relles Verbot kam aus Karlsruhe nicht?
Nein, das Gericht hat ent­schieden, dass die laxe Prak­ti­zierung von Zwangs­be­hand­lungen nicht mehr möglich ist. So kann sie nicht mehr wegen einer angeb­lichen Gefährdung der Öffent­lichkeit ange­wendet werden. Lediglich wenn jemand keinen freien Willen mehr besitzt und dadurch auf unab­sehbare Zeit in der Psych­iatrie bliebe, ist eine Zwangs­be­handlung möglich. Wir kri­ti­sieren, dass das BVG doch noch ein Schlupfloch für die Anwendung der Zwangs­be­handlung offen gelassen hat. Aber ange­sichts der Tat­sache, dass sich über Jahr­zehnte nichts in der Psych­iatrie ver­ändert hatte, war ein gene­relles Verbot der Zwangs­be­handlung auch nicht gleich zu erwarten gewesen.

Betrifft das Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richtes nur ver­ur­teilte Straf­täter?
Kei­neswegs, mit dem Urteil wird die Zwangs­be­handlung generell stark ein­ge­schränkt. Also nicht nur der psy­chisch kranke Straf­täter, sondern auch der harmlose Spinner, der aus irgend­welchen Gründen in der Psych­iatrie landet, kann in Rheinland Pfalz und Baden-Würt­temberg und hof­fentlich bald auch anderen Bun­des­ländern nicht mehr gegen seinen Willen behandelt werden.

Gibt es für Ihre Orga­ni­sation in dieser Frage noch Hand­lungs­bedarf?
Mehr denn je. Wir müssen darauf achten, dass nicht durch die Hin­tertür um den angeblich nicht vor­han­denen freien Willen herum wieder Rege­lungen getroffen werden, die die alte Praxis der Zwangs­be­handlung fort­setzen. Daher müssen wir auf Kon­gressen für die Abschaffung kämpfen und Poli­tiker der Lan­des­par­la­mente von unseren Argu­menten zu über­zeugen ver­suchen.

Gibt es in dieser Richtung Unter­stützung von Par­teien?
Momentan haben wir auf der par­la­men­ta­ri­schen Ebene für unsere For­derung nach einem Verbot der Zwangs­be­handlung keine Ver­bün­deten.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​9​8​1​5​.​s​c​h​l​u​p​f​l​o​c​h​-​f​u​e​r​-​d​i​e​-​z​w​a​n​g​s​b​e​h​a​n​d​l​u​n​g​.html

Interview: Peter Nowak

Gebühren für Grundrechte

Wenn Komi E. seine Freundin in Berlin besuchen will, muss er zahl­reiche büro­kra­tische Hürden über­winden. Er lebt als Flüchtling in Halle und ist der Resi­denz­pflicht unter­worfen. Wenn er den Land­kreis ver­lassen will, muss er bei der zustän­digen Aus­län­der­be­hörde einen Antrag auf Geneh­migung stellen. Die ver­langt dafür eine Gebühr von 10 Euro und stützt sich auf die Auf­ent­halts­ver­ordnung. Das Ver­wal­tungs­ge­richt Halle hatte im Februar 2010 ent­schieden, dass diese Gebühr zu Unrecht erhoben wurde. Dagegen ist der Land­kreis in Berufung gezogen. Am heu­tigen Mittwoch wird das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Mag­deburg über die Frage ent­scheiden. Das Komitee für Grund­rechte und Demo­kratie fordert vom Gericht die Ablehnung der Gebühren. Nicht nur die Gebühren, auch die Resi­denz­pflicht, die die Bewe­gungs­freiheit von Flücht­lingen ein­schränkt, gehöre abge­schafft.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​9​7​2​7​.​b​e​w​e​g​u​n​g​s​m​e​l​d​e​r​.html

Peter Nowak

Das Ei des Kommunismus

Linke DDR-Oppo­si­tio­nelle greifen Sys­tem­de­be­batte auf
In der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken wird ver­stärkt wieder über den Kom­mu­nismus dis­ku­tiert. Am kom­menden Montag beginnt in Berlin eine drei­teilige Ver­an­stal­tungs­reihe mit der Fra­ge­stellung »Was tun mit Kom­mu­nismus?« Zu den Unter­stützern gehört der Arbeits­kreis Geschichte sozialer Bewe­gungen Ost/​West, die North-East-Antifa, die Rosa-Luxemburg-Stiftung sowie ver­schiedene linke Zeit­schriften. Die Links­partei lie­ferte den Anlass für die Vor­be­reitung. »Die von Gesine Lötzsch und Inge Viett ange­rührte Dis­kussion über Wege zum Kom­mu­nismus, die sofort von der Links­partei wieder kas­siert worden war, hat uns zu der Ver­an­stal­tungs­reihe moti­viert«, meint der His­to­riker Harry Waibel gegenüber ND. Die Ver­an­stalter grenzen sich aber auch von Linken ab, die den repres­siven Cha­rakter der sozia­lis­ti­schen Staaten leugnen bzw. jede linke Kritik daran abschmettern.

Für Waibel sollen drei grund­le­gende Fragen bei den Ver­an­stal­tungen behandelt werden. Ist es heute möglich, den Begriff und den Inhalt von »Kom­mu­nismus« mit sozial-eman­zi­pa­to­ri­schen Posi­tionen zu ver­binden? Welche Kon­se­quenzen ergeben sich aus dem Scheitern von Lenins auto­ri­tärem Konzept des »Demo­kra­ti­schen Zen­tra­lismus«? Ist eine hori­zontale Orga­ni­sierung radi­kaler und revo­lu­tio­närer Inter­essen eine Mög­lichkeit? So wird sich die erste Podi­ums­ver­an­staltung mit dem Ver­hältnis ver­schie­dener eman­zi­pa­to­ri­scher Strö­mungen der anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Linken zum »real exis­tie­renden Sozia­lismus« befassen. Daran werden der Basis­ge­werk­schafter Willi Hajek, der linke DDR-Oppo­si­tio­nelle Thomas Klein, die säch­sische Land­tags­ab­ge­ordnete der LINKEN, Monika Runge, die Autorin Bini Adamczak und der Ver­leger Jörn Schüttrumpf teil­nehmen. Tags darauf dis­ku­tieren unter anderem die Zeit­his­to­ri­kerin Renate Hürtgen und der Publizist Christoph Jünke über die Frage, wie sozia­lis­tisch der »real exis­tie­rende Sozia­lismus« war.

Die Orga­ni­sa­toren der Ver­an­stal­tungen, zu denen die heutige Erwerbs­lo­sen­ak­ti­vistin Anne Seek gehört, nennen sich sati­risch »Selbst­hil­fe­gruppe Ei des Kom­mu­nismus«, kurz SEK. Seek ist nicht die einzige DDR-Oppo­si­tio­nelle, die an der Vor­be­reitung beteiligt ist.

Auch Bernd Gehrke von der AG Geschichte der sozialen Bewe­gungen Ost-West, der in der DDR die Oppo­si­ti­ons­gruppe Ver­ei­nigte Linke mit­ge­gründet hat, gehört dazu. Er wird bei der Abschluss­ver­an­staltung über Utopien jen­seits des Kapi­ta­lismus dis­ku­tieren und zwar mit der Trotz­kistin Lucie Redler, den Kölner Akti­visten Detlef Hartmann und Christoph Frings sowie dem anar­chis­ti­schen Arzt Michael Wilk.

Bei aller Unter­schied­lichkeit der Refe­renten und Ver­an­stalter gibt es einen Konsens: Alle suchen nach einen Kom­mu­nismus ohne Staat und Stasi.

Berlin, 31. Oktober, 18 Uhr, Mehringhof, Gnei­sen­austr. 2a; 1. November, 18 Uhr, Haus der Demo­kratie, Greifs­walder Str.; 6. November, 17 Uhr, Festsaal Kreuzberg, Ska­litzer Str. 130.

eidesk​.word​press​.com

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​9​7​2​8​.​d​a​s​-​e​i​-​d​e​s​-​k​o​m​m​u​n​i​s​m​u​s​.html

Peter Nowak