Wächst jetzt die Angst?

Bilge Gecer über Zwangs­ex­ma­tri­ku­la­tionen an der Uni­ver­sität Köln / Bilge Gecer ist Refe­rentin für die Hoch­schul­po­litik und Bildung beim AStA der Uni­ver­sität Köln

ND: Vor einigen Tagen sorgte die Exma­tri­ku­lation von 32 Stu­die­renden an der Kölner Uni­ver­sität für Auf­sehen. Warum wurden die Kom­mi­li­tonen exma­tri­ku­liert?

Gecer: Die Stu­di­en­ordnung der 32 Diplom- und Magis­ter­an­wärter war aus­ge­laufen. Sie hatten die Frist für die Magis­ter­zwi­schen­prüfung zum Ende Win­ter­se­mester 2010 / 2011 nicht ein­ge­halten. Die Uni­ver­si­täts­ver­waltung war nicht bereit, diese Frist zu ver­längern. Die Uni­ver­si­täts­leitung hatte schon im Frühjahr die Exma­tri­ku­la­tionen ange­kündigt und in den ver­gan­genen Tage die Bescheide raus­ge­schickt.

Im Frühjahr war noch von bis 1600 Kom­mi­li­tonen die Rede, die von der Exma­tri­ku­lierung betroffen sind. Ist es da nicht ein Erfolg, dass sie jetzt nur bei 32 Stu­die­renden umge­setzt wurde?

Darin kann ich keinen Erfolg sehen. Stu­die­rende sind keine Nummern. Es kommt uns auf jeden ein­zelnen Fall an. Zudem werden über die unmit­telbar Betrof­fenen hinaus alle Kom­mi­li­tonen unter Druck gesetzt. Die Angst vor einem Ver­säumen der Fristen wächst. Unter diesen Umständen erhöht sich die Gefahr, bei wich­tigen Prü­fungen und Klau­suren zu ver­sagen, noch zusätzlich.

Warum konnten die Stu­die­renden die Fristen nicht ein­halten?

Die Gründe dafür sind sehr unter­schiedlich. Einige haben sich hoch­schul­po­li­tisch enga­giert, das heißt, sie haben sich für andere Kom­mi­li­tonen ein­ge­setzt; das kostet Zeit. Andere mussten nebenbei arbeiten, um sich über­haupt ein Studium leisten zu können. Auch Stu­die­rende mit Behin­de­rungen oder mit Kind gehören zu den Exma­tri­ku­lierten.

Was bedeutet das für die Betrof­fenen?

Sie sind erst einmal aus der Hoch­schule raus. Einige von ihnen haben es viel­leicht geschafft, sich an anderen Hoch­schulen zu bewerben, wo sie ihr Studium fort­setzen können. Aber dann müssen sie aus der Stadt weg­ziehen, und ob das als die beste Lösung bezeichnet werden kann, ist sehr frag­würdig. Schließlich haben sich die Stu­die­renden zum Stu­di­en­beginn für die Uni­ver­sität Köln ent­schieden, mit der Absicht ihr Studium hier erfolg­reich abzu­schließen. Es wird wohl bitter: Einigen Betroffene droht wahr­scheinlich die Arbeits­lo­sigkeit als Per­spektive.

Wie können sich die Gemaß­re­gelten wehren?

Wenn die Exma­tri­ku­lation erst einmal aus­ge­sprochen ist, ist das schwierig. Aber: Juris­tisch mag die Maß­nahme ein­wandfrei sein, trotzdem ist der Umgang mit den Stu­die­renden nicht hin­nehmbar. Es handelt sich hier schließlich nicht um Daten, die einfach so aus der Kartei genommen werden können, sondern um Men­schen. Wir sind wei­terhin bemüht, einen poli­ti­schen Druck gegen die Exma­tri­ku­la­tionen auf­zu­bauen.

Gibt es schon kon­krete Pro­jekte?

Mitt­ler­weile wurde unter exma​tri​ku​lation​.blog​sport​.de eine Inter­net­seite ein­ge­richtet, auf der Infor­ma­tionen zum Thema zusam­men­ge­tragen werden, um eine Soli­da­ri­täts­er­klärung zu ver­fassen, die online unter­schrieben werden kann. Es haben sich neben ver­schie­denen stu­den­ti­schen Initia­tiven auch gewerk­schaft­liche Gremien gegen die Exma­tri­ku­la­tionen aus­ge­sprochen.

Drohen an anderen Uni­ver­si­täten ähn­liche Maß­nahmen?

Köln ist keine Aus­nahme. Es gibt Befürch­tungen von Stu­die­renden, dass auch an anderen Hoch­schulen solche Restrik­tionen geplant sind. Auch aus diesem Grund setzen wir uns für die Rück­nahme der Exma­tri­ku­la­tionen in Köln ein. Wir wollen ver­hindern, dass daraus eine Pilot­projekt wird.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​5​6​7​6​.​w​a​e​c​h​s​t​-​j​e​t​z​t​-​d​i​e​-​a​n​g​s​t​.html

Interview: Peter Nowak

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