Berliner »Studentenpack«

Aus­stellung wirft einen kri­ti­schen Blick auf 200 Jahre Stu­den­ten­be­we­gungen
Beim Begriff Stu­den­ten­be­wegung denken die meisten sicher an die APO-Zeit der 1960er Jahre. Doch Stu­denten waren in Deutschland schon immer poli­tisch in Bewegung – nach rechts wie nach links. Daran erinnert derzeit eine Aus­stellung in der Ber­liner Hum­boldt-Uni­ver­sität.

»Stu­den­tenpack« lautete das Schimpfwort von Kon­ser­va­tiven, die sich nach 1968 von den Akti­vi­täten auf­be­geh­render Uni­ver­si­täts­ab­sol­venten gestört fühlten. Wenn der Begriff zurzeit auf Pla­katen im Ber­liner Stra­ßenbild auf­taucht, wird damit aller­dings für eine Aus­stellung geworben, für die der Begriff »in Bewegung bleiben« gleich in dop­pelter Hin­sicht gilt. Da die Aus­stellung auf sechs Etagen im Hegel­ge­bäude der Ber­liner Hum­boldt-Uni­ver­sität ver­teilt ist, sollte der Betrachter viel Zeit mit­bringen. Denn auf den Tafeln wird man über die durchaus nicht nur fort­schritt­liche Geschichte der Stu­die­renden und ihrer Bewe­gungen in den letzten 200 Jahren in Berlin infor­miert.

So wird an die schon Mitte des 19. Jahr­hundert begin­nende Kam­pagne gegen pol­nische Kom­mi­li­tonen erinnert. »Die Aus­län­de­rinnen erdrücken uns durch die Überzahl«, wird eine Medi­zin­stu­dentin Anfang des 20. Jahr­hun­derts in der Aus­stellung zitiert. Dabei hatten auch Frauen nach der Meinung vieler Stu­den­ten­ver­bände nichts an den Uni­ver­si­täten ver­loren. Manche der Kom­mi­li­to­ninnen for­derten ihr Recht auf ein Studium deshalb mit ihrem Status als deutsche Frau ein.

Auch die jüdi­schen Stu­die­renden wurden schon seit Mitte des 19. Jahr­hun­derts dis­kri­mi­niert, verbal und zunehmend auch tätlich ange­griffen. Der Anti­se­mi­tismus am Campus der Ber­liner Hoch­schule wird in der Aus­stellung gründlich doku­men­tiert. So unter­schrieben 1880 fast 20 Prozent der dama­ligen Stu­die­renden an der Ber­liner Uni­ver­sität eine Petition gegen die Gleich­stellung der jüdi­schen Kom­mi­li­tonen. Die Novem­ber­re­vo­lution 1918 änderte an der reak­tio­nären Grund­stimmung an der Uni­ver­sität wenig. Einem Rat sozia­lis­ti­scher Stu­die­render, die die Revo­lution unter­stützte und am Dach der Uni­ver­sität die rote Fahne hissen ließ, wurde schon nach wenigen Tagen vom Rat der Volks­be­auf­tragten das Recht aberkannt, als Ver­tre­tungs­organ der Ber­liner Stu­die­renden zu fun­gieren. Dafür hatten die mas­siven Pro­teste der kon­ser­va­tiven Stu­die­renden gesorgt. Nicht wenige von ihnen kämpften 1919 als Frei­willige in den Frei­korps gegen die Arbei­ter­auf­stände oder schlossen sich 1920 dem Kapp-Putsch für die Abschaffung der Republik an. Ein jüdi­scher Kos­mo­polit wie der Medi­ziner Georg Friedrich Nicolai wurde 1920 vom aka­de­mi­schen Senat als »mora­lisch unwürdig« klas­si­fi­ziert, weil er während des 1. Welt­kriegs in der Schweiz alle Europäer gegen den Krieg auf­ge­rufen hatte.

Wer diese in der Aus­stellung gut belegten Fakten kennt, wundert sich nicht mehr über die frei­willige Gleich­schaltung der Uni­ver­sität im Natio­nal­so­zia­lismus. Am Bei­spiel der Juristin Erna Pros­kauer werden Kon­ti­nui­täten bis in die Nach­kriegszeit deutlich. 1956 ver­wei­gerte das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt der aus dem Exil zurück­ge­kehrten Frau eine Ent­schä­digung für ihre Ent­lassung als ange­hende Juristin im Jahr 1933. Als Frau und mit ihren Noten­durch­schnitt hätte sie sowieso keine Chance auf eine Ver­be­amtung gehabt, lautete die zynische Begründung der Richter.

Die beiden unteren Etagen sind den aktu­el­leren Stu­die­ren­den­be­wegung gewidmet. Dort werden am Bei­spiel der Geschichte von stu­den­ti­schen Publi­ka­tionen die unter­schied­lichen Wege der Pro­test­szene doku­men­tiert. Während die im West­ber­liner Uni­ver­si­täts­streik von 1989 gegründete »Faust« Mitte der 1990er Jahren ihr Erscheinen ein­stellte, mutierte die »Unauf­ge­fordert«, ein Produkt des Ost­ber­liner Wen­de­herbstes am Campus, zum Life-Style-Magazin. Mitt­ler­weile ist das Internet zum wich­tigen Medium geworden.

Die Aus­stellung »stud. Berlin – 200 Jahre Stu­dieren in Berlin« ist bis zum 23. Dezember 2010 im HU-Semi­nar­ge­bäude am Hegel­platz (Doro­the­enstr. 24) von Mo-Fr, 8–22 Uhr und Sa., 10–18 geöffnet. Der Ein­tritt ist frei. Im Internet: www​.stu​dier​barkeit​.de

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​7​5​7​9​7​.​b​e​r​l​i​n​e​r​-​s​t​u​d​e​n​t​e​n​p​a​c​k​.html

Peter Nowak


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