Aus für den Linienhof?

Bau­gruppe drängt auf sofor­tigen Wegzug
Geschäf­tiges Treiben herrscht im Lini­enhof in der Kleinen Rosenthaler Straße 9 in Berlin-Mitte. Noch wird auf dem Areal und in den beiden Garagen gehämmert, geschmiedet und gelötet. Seit 1991 wird das Gelände als offenes Kul­tur­projekt, aber auch selbst orga­ni­sierter Hand­werkshof genutzt. »Bis zu 30 Men­schen arbeiten im Lini­enhof an ver­schie­denen Pro­jekten. Manche repa­rieren Autos, andere gestalten künst­le­rische Arbeiten«, sagt Jürgen Lein­weber gegenüber ND. Er ist Mit­glied im Verein Kathedral, der für den Lini­enhof zuständig ist. Mit regel­mä­ßigen »Tagen der Offenen Tür« wird die Nach­bar­schaft in die Arbeit ein­be­zogen.

Doch wenn die Nutzer des Lini­enhofs am kom­menden Dienstag um 9 Uhr Freunde und Nachbarn ein­laden, hat es einen ernsten Hin­ter­grund. Denn die schattige Idylle soll einem Mehr­fa­mi­li­enhaus Platz machen. Die Mit­glieder einer Bau­gruppe, die das Grund­stück vor drei Jahren gekauft hat, haben für den 3. August eine Begehung des Geländes ange­kündigt. Schon am 5.August soll mit den Bau­ar­beiten begonnen werden. Der Publizist Mathias Gref­frath, der unter anderem als regel­mä­ßiger Autor der glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­schen Monats­zeitung Le Monde Diplo­ma­tique bekannt ist, gehört zu den Mit­gliedern der Bau­gruppe.

Lein­weber ist sauer. »Hier werden die letzten Frei­räume in Mitte von Men­schen zer­stört, die sich eigentlich für deren Erhalt ein­setzen müssten«. Mathias Gref­frath weist diese Vor­würfe gegenüber ND zurück. Es habe immer wieder Kon­takte mit den Nutzern des Hofes gegeben und man habe ihnen auch Umzugs­hilfen ange­boten. »Die Nutzer wussten, dass mit dem Bau dem­nächst begonnen wird«, betont Gref­frath. Er kri­ti­siert zudem, dass sich die Nutzer nicht namentlich zu erkennen gegeben hätten. Dies kann Lein­weber wie­derum nicht ver­stehen. »Über unseren Verein Kathedral sind wir für die Bau­gruppe ansprechbar«.

Die Fronten sind mitt­ler­weile ver­härtet. »Unsere Kom­pro­miss­be­reit­schaft ist erschöpft. Der Bau­beginn wird defi­nitiv in der nächsten Woche erfolgen«, betont Gref­frath. Das sei auch deshalb nötig, weil bestimmte För­der­mittel vom Senat einen bal­digen Bau­beginn erfor­derlich machen. »Wir lassen uns nicht von hier ver­drängen«, erklärt Lein­weber. Es seien in den letzten Jahren schon zu viele Pro­jekte an den Stadtrand ver­trieben worden. Es sei auch nicht das erste Mal, dass sich nicht­kom­mer­zielle, alter­native Pro­jekte und Bau­gruppen um die letzten begehrten Grund­stücke in ange­sagten Ber­liner Stadt­teilen streiten.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​7​6​4​6​5​.​a​u​s​-​f​u​e​r​-​d​e​n​-​l​i​n​i​e​n​h​o​f​.html

Peter Nowak

Uni Köln hält Vertrag weiter geheim

Wach­sende Kritik an der Koope­ration mit dem Bayer-Konzern
Der Druck auf die Uni­ver­sität Köln wächst. Neben stu­den­ti­schen und gesund­heits­po­li­ti­schen Gruppen fordert auch der Daten­schutz­be­auf­tragte von NRW die Offen­legung eines Koope­ra­ti­ons­ver­trags, den die Uni­ver­sität Köln mit der Bayer HealthCare AG vor zwei Jahren geschlossen hat.
Daten­schützer sind besorgt und diese Besorgnis haben sie jetzt auch der Kölner Uni mit­ge­teilt. Sie berufen sich dabei auf das Infor­ma­ti­ons­frei­heits­gesetz von NRW. Doch die Hoch­schule bestritt von Anfang an, dass es auf den Vertrag anwendbar ist und lehnt die Ver­öf­fent­li­chung des Doku­ments beharrlich ab. Es könnten Wett­be­werbs­nach­teile ent­stehen. Zudem gelte für den Bayer-Konzern das Betriebs­ge­heimnis, lau­teten die Begrün­dungen. »Aus unserer Sicht ist die Wis­sen­schafts­freiheit höher ein­zu­schätzen als die Infor­ma­ti­ons­freiheit«, erklärt der Sprecher der Kölner Hoch­schule Patrick Hon­ecker.

Diese man­gelnde Offenheit bestärkt die Kri­tiker der Koope­ration zwi­schen Bayer und der Hoch­schule in ihrer Befürchtung, dass die For­schungs­arbeit auf die Kon­zern­in­ter­essen aus­ge­richtet wird. Sie sehen die For­schungs­freiheit in Gefahr. Schließlich soll die For­schungs­ko­ope­ration für die Bereichen Kar­dio­logie, Onko­logie, Augen­heil­kunde, Neu­ro­logie, Psych­iatrie und Kin­der­heil­kunde gelten. In einem Offenen Brief an die Uni­ver­sität Köln wollen die Kri­tiker wissen, ob die Uni­klinik auf die negative Publi­ka­ti­ons­freiheit ver­zichtete, also fehl­ge­schlagene Expe­ri­mente nicht publik macht, um die Inter­essen von Bayer zu schützen. Weitere Fragen lauten: »Wird wegen der Wahrung von Betriebs­ge­heim­nissen und Patent­rechten der aka­de­mische Aus­tausch ein­ge­schränkt? Müssen Studien vor ihrer Ver­öf­fent­li­chung der Bayer AG vor­gelegt werden?

In seiner Antwort bleibt der Jus­titiar der Uni­ver­sität Köln Alex­ander May wei­terhin bei der Position, dass für Hoch­schulen in den Bereichen For­schung und Lehre keine Aus­kunfts­pflicht bestehe. Diese Position hat er auch nach der Inter­vention des Daten­schutz­be­auf­tragten Mitte Juli in einem Schreiben an Philipp Mimkes von der »Coör­di­nation gegen Bayer-Gefahren« noch einmal bekräftigt. Das Rek­torat der Uni habe ent­schieden, »den Vertrag nicht zugänglich zu machen«, heißt es in dem ND vor­lie­genden Schreiben.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​7​6​3​1​5​.​u​n​i​-​k​o​e​l​n​-​h​a​e​l​t​-​v​e​r​t​r​a​g​-​w​e​i​t​e​r​-​g​e​h​e​i​m​.html

Peter Nowak

Recht auf eigenes Bild auch für Demonstrationen

Video­über­wa­chung von Demons­tra­tionen nur bei erheb­licher Gefahr für die öffent­liche Sicherheit und Ordnung

Fil­mende Poli­zisten auf Demons­tranten gehörten in den letzten Jahren schon fast zur bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Nor­ma­lität. Im Zeit­alter des Video­ak­ti­vismus sind auch Sprüche wie »Kame­ramann Arschloch« leiser geworden, die Anfang der 90er Jahre noch häu­figer zu hören waren. Nun hat das Ber­liner Ver­wal­tungs­ge­richt in einem Urteil dem Filmen von Demons­tra­tionen Grenzen gesetzt. Es hat die Video­über­wa­chung einer bun­des­weiten Anti-AKW-Demons­tration im Sep­tember 2009 in Berlin für rechts­widrig erklärt, weil es dafür keine gesetz­liche Grundlage gäbe. Ein Teil­nehmer hatte gegen das Filmen geklagt.

Es schränke das Grund­recht auf Ver­samm­lungs­freiheit und auf infor­ma­tio­nelle Selbst­be­stimmung ein, so die Ber­liner Richter. »Wer damit rechnet, dass etwa die Teil­nahme an einer Ver­sammlung (…) behördlich regis­triert wird, und ihm dadurch Risiken ent­stehen können, wird mög­li­cher­weise auf eine Aus­übung seiner ent­spre­chenden Grund­rechte ver­zichten«, urteilten die Richter.

Sie sahen nur dann eine Grundlage für eine Video­über­wa­chung von Demons­tra­tionen gegeben, wenn davon eine »erheb­liche Gefahr für die öffent­liche Sicherheit und Ordnung ausgeht«. Das sei auf der Anti-AKW-Demons­tration ein­deutig nicht der Fall gewesen. Die Grundlage für diese Ein­schätzung ist die behörd­liche Gefah­ren­analyse, die von der Polizei erstellt wird. So bleiben auch in Zukunft für die Polizei genügend Mög­lich­keiten, die Video­über­wa­chung doch noch anzu­wenden, kom­men­tiert ein Reporter der Tages­zeitung die Ent­scheidung.

Der Ber­liner Lan­des­verband der Gewerk­schaft der Polizei hat sofort nach dem Urteil die Video­über­wa­chung für unver­zichtbar erklärt und Berlins Innen­se­nator Ehrhart Körting zur Änderung des Ber­liner Ver­samm­lungs­ge­setzes auf­ge­fordert, um das vom Ver­wal­tungs­ge­richt inkri­mi­nierte Filmen doch noch zu lega­li­sieren. Körting hatte selber solche Vor­stel­lungen geäußert. Noch ist das Urteil des Ver­wal­tungs­ge­richts nicht rechts­kräftig.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​b​l​o​g​s​/​8​/​1​48098

Peter Nowak

Ohne Begriffe keine Eingriffe

Erin­nerung an einen linken Intel­lek­tu­ellen – von Peter Nowak

Christian Rie­chers: »Die Nie­derlage in der Nie­derlage. Texte zu Arbei­ter­be­wegung, Klas­sen­kampf, Faschismus«, her­aus­ge­geben, ein­ge­leitet und kom­men­tiert von Felix Klo­potek, Münster 2010, ISBN: 978–3‑89771–453‑3, 576 Seiten, 28 Euro

Immer wieder ent­decken Linke den Charme von Extre­mismus- und Tota­li­ta­ris­mus­theorien, um die Irrwege linker Theorie und Praxis zu erklären. Dabei wird igno­riert, dass es häufig Dis­si­denten der Arbei­ter­be­wegung und der Linken waren, die den Sta­li­nismus und andere linke Irrwege schon früh mit ana­ly­ti­scher Schärfe kri­ti­sierten, ohne auf die ros­tigen Requi­siten aus dem Fundus der Tota­li­ta­ris­mus­theorie zurück­zu­greifen. Der Müns­te­raner Unrast-Verlag will mit seiner Reihe »Dis­si­denten der Arbei­ter­be­wegung« einige dieser heute weit­gehend ver­ges­senen linken Theo­re­tiker und Akti­visten einer grö­ßeren Öffent­lichkeit zugänglich machen.
Gleich mit dem ersten Band hat der Verlag einen Glücks­griff getan. Der Kölner Publizist Felix Klo­potek hat den Nachlass des 1973 mit 57 Jahren ver­stor­benen Han­no­ve­raner Poli­to­logen Christian Rie­chers her­aus­ge­geben. Bis zu seiner schweren Krankheit lehrte und forschte Rie­chers an der Uni­ver­sität Han­nover und enga­gierte sich dort besonders in der Erfor­schung der lokalen Arbei­ter­be­wegung. Doch daneben beschäf­tigte er sich seit Mitte der 60er-Jahre vor allem mit jenen Linken bzw. Kom­mu­nisten Ita­liens, die in den ersten Jahren der 1919 gegrün­deten Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tionale (der sog. Dritten Internationale,kurz Kom­intern) eine zen­trale Rolle spielten, aber aus der ›nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen‹ Geschichts­schreibung aus­ge­blendet wurden oder als verfemt galten. Zu nennen ist dabei in erster Linie der erste Vor­sit­zende der KPI, Amadeo Bordiga. Als Rie­chers in den 60er-Jahren seine Studien zur Geschichte der ita­lie­ni­schen Kom­mu­nisten aufnahm, war Bordiga weit­gehend ver­gessen. Rie­chers wollte in Italien eigentlich über Antonio Gramsci for­schen. Dieser war damals in den Teilen der Linken, die kri­tisch zum Nomi­nal­so­zia­lismus standen, das große his­to­rische Vorbild, hatte er doch schon früh Fehl­ent­wick­lungen in der Sowjet­union kri­ti­siert. Gramscis Hege­mo­nie­theorie schien zudem für die aka­de­mische Linke der 60er- und 70er-Jahre der Schlüssel zur Ver­än­derung der Gesell­schaft. Dass Gramsci an den Folgen der faschis­ti­schen Haft ver­storben war, erhöhte sein Ansehen bei ihnen. Doch Rie­chers, der auf den Spuren von Gramsci nach Italien gegangen war, wurde zu dessen schärfstem Kri­tiker. Er traf in Italien noch mit Ange­hö­rigen der ersten Generation der ita­lie­ni­schen Kom­mu­nisten zusammen, unter anderem mit Amadeo Bordiga. In den fol­genden Jahren sollten ihn die Aus­ein­an­der­set­zungen der frühen ita­lie­ni­schen kom­mu­nis­ti­schen Bewegung nicht mehr los­lassen – wie sich in dem nun vor­lie­genden Band zeigt.
Der Band enthält zum einen Texte, die ver­streut in wis­sen­schaft­lichen Zeit­schriften und anderen Publi­ka­tionen ver­öf­fent­licht sind, zum anderen aber auch bislang unver­öf­fent­lichte Manu­skripte, die Klo­potek durch Recherchen im bis dahin unge­sich­teten Nachlass des Autors bergen konnte.
Rie­chers beginnt mit seiner pro­gram­ma­ti­schen Schrift »Arbei­ter­klasse und Faschismus« (S. 52) und endet mit dem nicht mehr voll­endeten, nur hand­schriftlich erhal­tenden und hier jetzt ver­öf­fent­lichten Aufsatz »Amadeo Bordiga: Unperson, Abweichler, Alt­marxist« (S. 546ff.). Darin kri­ti­siert Rie­chers u.a. eine bestimmte Art der auch in der Linken popu­lären »Rene­ga­ten­li­te­ratur«. So schreibt er über Bordiga: »Als his­to­ri­scher Mate­rialist … konnte er, der 1926 den gefürch­teten Stalin aus der Reserve lockte und zu Ein­ge­ständ­nissen eigener mensch­licher Schwächen zwang, auch ›keinem Gott, der keiner war‹, abschwören.« Er nimmt damit Bezug auf den Titel einer von Arthur Köstler her­aus­ge­ge­benen Abrech­nungs­schrift ehe­ma­liger Kom­mu­nisten, die – anders als Bordiga – tat­sächlich an Stalin geglaubt hatten.
Rie­chers Texten merkt man die Sym­pathie für das Lebenswerk von Bordiga an, trotzdem bleibt er auch ihm gegenüber kri­tisch. Vor allem zu Bor­digas poli­ti­schen Epi­gonen, die sich in ver­schie­denen kleinen Gruppen und Zirkeln orga­ni­sieren (in Deutschland gibt eine der Gruppen seit Jahren die Publi­kation Welt­re­vo­lution heraus), bleibt er auf Distanz. Klo­potek weist in seiner Ein­leitung darauf hin, dass Rie­chers niemals Mit­glied eines bor­di­gis­ti­schen Zirkels gewesen sei, vielmehr miss­trauisch von »echten« Bor­digsten beäugt wurde, als er Ende der sech­ziger Jahre eine kom­men­tierte Über­setzung und Werk­ausgabe plante (S. 26). In zahl­reichen der in dem Buch doku­men­tierten Auf­sätze, Vor­träge und Rezen­sionen kri­ti­siert Rie­chers Antonio Gramsci als maßlos über­schätzten Theo­re­tiker, weil »die Figur Gramscis zu einem Ursprungs­mythos der ita­lie­ni­schen Kom­mu­nis­ti­schen Partei geworden ist, deren Kon­turen lange Zeit in der Geschichte ver­schwammen«. (S. 134). In dem hier erstmals schriftlich ver­öf­fent­lichten Rund­funk­beitrag: »Gramsci – eine nicht not­wendige Legende« (S. 170) wirft er ihm auch vor, die ita­lie­nische KP Mitte der 20er Jahre auf die Linie der Kom­intern gebracht zu haben. Trotzdem bezeugt Rie­chers Respekt vor Gramscis Lebensweg: »Die größte Tragik Gramscis lag darin, dass er in den beiden Lebens­ab­schnitten, in denen sich sein Denken ent­wi­ckelte und dann seinen Abschluss fand, er dies völlig auf sich allein gestellt tat.« (S. 140ff.).
Vor­ar­beiten zur Fabrik und Arbeitswelt

Neben der Rie­chers Leben beglei­tenden Aus­ein­an­der­setzung mit der ita­lie­ni­schen Linken findet sich in dem Buch ein Aufsatz über eine Begegnung mit dem Links­so­zia­listen Willy Huhn, einem sowohl von ›Nomi­nal­so­zia­listen‹ als auch von der Sozi­al­de­mo­kratie weit­gehend igno­rierten Dis­si­denten der deut­schen Arbei­ter­be­wegung. Äußerst auf­schluss­reich sind auch die meist kurzen per­sön­lichen Notizen, mit denen Rie­chers auf aktuelle Ereig­nisse im Wis­sen­schafts­be­trieb eingeht. Dort setzt er sich auch iro­nisch mit linken Kol­legen aus­ein­ander, die sich all­mählich in ver­be­amtete Marx-Exegeten ver­wandeln. »Sie starren gebannt auf die Gazetten, die sie anspringern und anfazen, und sehen voraus, dass ihre Öffent­lichkeit begrenzt, ja eli­mi­niert werden soll, wie diese Gazetten das fordern«. (S. 174) In einem Kurztext macht sich Rie­chers über »die Sprache der ozi­al­wis­sen­schaft­lichen Intel­ligenz« lustig:
»ohne begriffe keine ein­griffe, ohne begreifen kein ein­greifen. aber dann bitte begriffene und keine abge­grif­fenen. und vor allem nicht beim ver­wenden der abge­grif­fenen, ung­riffig gewor­denen begriffe noch die miese haltung des aka­de­mi­schen näselns«. (S. 172; Klein­schreibung i.O.). In den letzten Jahren widmete sich Rie­chers ver­stärkt der Erfor­schung der Regio­nal­ge­schichte im Raum Han­nover und plante eine längere wis­sen­schaft­liche Aus­ein­an­der­setzung mit den Ver­än­de­rungen im Fabrik­system. Zahl­reiche Notizen dazu sind in dem Buch doku­men­tiert, aber auch Rie­chers Schwie­rig­keiten mit dem Thema. Leider ist Rie­chers wegen seines frühen und plötz­lichen Tods nicht mehr dazu gekommen, das Thema wei­ter­zu­be­ar­beiten. Allein die erhal­tenen Vor­ar­beiten machen deutlich, was uns da ent­gangen ist.

So schreibt er 1986 in den »Thesen zum indus­tri­ellen Kon­sti­tu­tio­na­lismus«: »[D]ie kon­flikte von lohn­arbeit und kapital in den fabriken können auch durch staat­liches dazwi­schen­treten geschlichtet werden, der staat bleibt aber so lange draußen, bis er gerufen wird. clea­ring­stelle bleibt auf der seite der lohn­arbeit der betriebsrat, der wegen seiner gesetzlich orge­schrie­benen ‚frie­dens­pflicht’ als vor­ge­schobene position der am sozialen frieden inter­es­sierten zu sehen ist, obwohl diesem instrument in einigen fällen auch die mili­tante ver­tretung der arbeiterfor­de­rungen gegen die kapi­tal­seite zuge­kommen ist. der betriebsrat ist nicht des­wegen reak­tionär, weil die gesetz­lichen bestim­mungen seine funk­tionen beschränken, sondern – wenn er reak­tionär sein sollte – weil sich die reak­tio­nären betriebsräte daran halten, über­haupt nicht darüber hinaus wollen.« (S. 432)

In den Notizen häufen sich die Klagen über die zuneh­mende Mar­gi­na­li­sierung mar­xis­ti­scher Lehre und For­schung an den Hoch­schulen ab Ende der 70er Jahre. Gele­gentlich äußert Rie­chers – im Zuge der Ter­ro­ris­mus­hys­terie der 70er Jahre – auch seinen Wider­willen gegen eine Ver­teu­felung von linken Vor­stel­lungen. Ins­gesamt fällt aller­dings auf, wie sparsam Rie­chers die aktu­ellen poli­ti­schen Themen seiner Zeit kom­men­tiert. Die den linken Wis­sen­schafts­be­trieb in jenen Jahren stark tan­gie­rende Praxis der Berufs­verbote bleibt ebenso aus­ge­blendet wie die Ent­lassung des linken Sozi­al­psy­cho­logen Peter Brückner, der sich nicht vom Nach­druck des Buback-Aufrufs distan­zieren wollte.

Diese Leer­stelle ist besonders ver­wun­derlich, weil Brückner eben­falls in Han­nover lehrte und dort eine starke Soli­da­ri­täts­be­wegung exis­tierte. Ob es Des­in­teresse oder die Vor­sicht eines linken Intel­lek­tu­ellen waren, die Rie­chers hier schweigen ließen? Das Buch regt zu vielen Fragen an. Mit der Her­ausgabe dieses Bandes haben sich Felix Klo­potek und der Unrast-Verlag in dop­pelter Hin­sicht Ver­dienste erworben. Sie haben nicht nur einen linken Intel­lek­tu­ellen wieder ent­deckt, der – obwohl noch nicht zwei Jahr­zehnte tot –weit­gehend ver­gessen war. Mit den Texten wird ein Fundus linker Theorie prä­sen­tiert, an die wir auch heute noch kri­tisch anknüpfen können.

erschienen im express, Zeitung für sozia­lis­tische Betriebs- und Gewerk­schafts­arbeit, Nr. 7/2010 

Im Internet:
www​.express​-afp​.info, www​.labournet​.de/​e​x​press

Peter Nowak

Linke ostdeutsche Opposition

Der tele­graph liefert Texte für die linke Theorie und Praxis, ohne seine Wurzeln zu ver­leugnen
Wenn sich eine Publi­kation auch 21 Jahre nach dem Umbruch von 1989 selbst­be­wusst »ost­deutsche Zeit­schrift« nennt, werden manche Ost­algie erwarten. Doch in der aktu­ellen Ausgabe des tele­graph wird die alte DDR nicht zurück­ge­wünscht. Aber auch die herr­schenden Ver­hält­nisse in Deutschland und der Welt werden einer scharfen Kritik und Analyse unter­zogen. Das ist ein Mar­ken­zeichen des von DDR-Oppo­si­tio­nellen her­aus­ge­ge­benen Magazins seit seiner Gründung in der End­phase der DDR. Anders als viele ihrer ehe­ma­ligen Mit­streiter haben die Her­aus­geber des tele­graph auch heute keinen Frieden mit den Ver­hält­nissen gemacht. Des­wegen haben sie auch junge Mit­ar­beiter gefunden, wie den Rapper Jenz Steiner aus dem Prenz­lauer Berg. Er war beim Mau­erfall 13 Jahre alt und beschreibt in seinem Beitrag, wie er in den Wen­de­jahren bei anti­fa­schis­ti­schen Demons­tra­tionen und in besetzten Häusern poli­ti­siert wurde. Er spricht nicht nur für sich, wenn er rück­bli­ckend über seine Generation schreibt: »Der wilde Aktio­nismus der Pubertät ist bei fast allen ver­pufft. Ihre linke, huma­nis­tische und frei­den­ke­rische Grund­haltung haben sie sich hin­gegen bewahrt.«

Der Stadt­so­ziologe Andrej Holm beschreibt die Ent­wicklung des Prenz­lauer Berg vom kul­turanar­chis­ti­schen Utopia der frühen Wen­de­jahre zur Hochburg der Bionade-Bour­geoisie aus Sicht der Bewohner mit geringem Ein­kommen. Nicht alle starben aus Gram über ihre aus öko­no­mi­schen Zwängen ver­las­senen Woh­nungen, wie der Fotograf Peter Woelck. Aber an den Stadtrand wurden viele ver­drängt. »All die Auf­wer­tungs­pro­gnosen der Ver­gan­genheit haben sich erfüllt – aber Recht haben ist keine Kate­gorie des poli­ti­schen Erfolges. Leider«, so Holms bit­teres Resümee. Während Helmut Höge an die ost­deutsche Betriebs­rä­te­initiative erinnert, die Anfang der 90er Jahre die Abwicklung wich­tiger Indus­trie­be­triebe in der DDR nicht stoppen konnte, beschreibt Willy Hajek aktuelle Ent­wick­lungen an der Gewerk­schafts­basis in und außerhalb des DGB.

Neben Texten, die sich mit der Ent­wicklung im Bei­tritts­gebiet befassen, schärft der tele­graph auch sein theo­re­ti­sches Profil, indem er durchaus streit­baren Thesen Raum gibt. So setzt sich die Phi­lo­sophin Tove Soiland kri­tisch mit der »Ent­wicklung der Frau­en­be­wegung zum Gender-Management« aus­ein­ander. Soiland ver­folgt die Anfänge der Gender-Debatte zurück zu den Culture-Studies, die von bri­ti­schen Mar­xisten in den 90er Jahren als Ergänzung zum ortho­doxen Mar­xismus, der Femi­nismus und Kultur als Neben­wi­der­sprüche wahrnahm, ent­wi­ckelt wurden. Sie zeigt auf, wie im Laufe der Jahre beim Gender-Diskurs die mar­xis­ti­schen Wurzeln gekappt wurden. Damit sei das Gender-Management für den neo­li­be­ralen Diskurs anschluss­fähig geworden, so Soiland. Zwei weitere theo­re­tische High­lights der tele­graph-Ausgabe sind die Inter­views mit dem pol­ni­schen Sozio­logen Zygmunt Baumann und dem fran­zö­si­schen His­to­riker Enzo Tra­verso. Baumann berichtet über sein Enga­gement als Kom­munist in der Volks­re­publik Polen, die er wegen der anti­se­mi­ti­schen Kam­pagne im Jahr 1968 ver­lassen hat. Er bereut es auch nach­träglich nicht, den Traum einer Gesell­schaft ohne Armut und Unter­drü­ckung geträumt zu haben. Tra­verso reflek­tiert im Gespräch den Wandel des Anti­fa­schismus. Der tele­graph liefert so Material für die linke Theorie und Praxis, ohne seine Wurzeln aus der linken ost­deut­schen DDR-Oppo­sition zu ver­leugnen.

tele­graph 120/121, »Krisen und Jubiläen«, 160 Seiten, 6 Euro, www​.tele​graph​.ost​buero​.de

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​7​6​1​8​7​.​l​i​n​k​e​-​o​s​t​d​e​u​t​s​c​h​e​-​o​p​p​o​s​i​t​i​o​n​.html

Peter Nowak

Letzte existierende Publikation der DDR-Opposition

Grund­haltung bewahrt

Der »tele­graph« ist die letzte noch exis­tie­rende Publi­kation der DDR-Oppo­sition. Die Redaktion befasst sich in der neuen Ausgabe mit geschei­terten Revo­lu­tionen

Wenn sich eine Publi­kation heut­zutage als »ost­deutsche Zeit­schrift« bezeichnet, ver­mutet man schnell gesam­melte DDR-Nost­algie und Berichte über Trabi-Gedenk­fahrten. Doch im tele­graph, der ebendies im Unter­titel trägt, findet sich nichts von beiden. Kein Wunder, handelt es doch um die einzige noch exis­tie­rende Publi­kation der DDR-Oppo­sition. Sie wurde 1987 als Umwelt­po­li­tische Blätter gegründet und bestand aus hek­to­gra­fierten Schreib­ma­schi­nen­seiten. Das ist lange her. Vor wenigen Tagen ist die neue Dop­pel­nummer erschienen in einer Auflage von 1.000 Exem­plaren. Ihr Cover ziert ein Ver­kehrs­schild, das auf eine Sack­gasse hin­weist. Dar­unter der Satz: »Frei bis Deutsche Einheit«.

Mit dieser Foto­montage ist das Selbst­ver­ständnis der tele­graph-Redaktion gut wie­der­ge­geben. Nicht das ver­ei­nigte Deutschland, sondern eine basis­de­mo­kra­tische DDR ohne Deutsche Bank und Bild-Zeitung war ihr Ziel. »Im tele­graph kamen die DDR-Oppo­si­tio­nellen zu Wort, die in den Wen­de­mo­naten Antifa-Demons­tra­tionen orga­ni­sierten und Häuser besetzten«, berichtet Dirk Teschner. Der Kurator an der Erfurter Kunst­halle ist der Einzige der fünf­köp­figen Redaktion, der schon damals dabei war.

Der tele­graph blieb poli­tisch unab­hängig und schloss sich keiner der in den Wen­de­zeiten gegrün­deten Gruppen an, betont Teschner. Mitte der 90er Jahre, als die Redaktion eine Per­spek­tiv­de­batte führte, ent­schied man sich trotz sin­kender Absatz­zahlen und Finan­zie­rungs­pro­bleme für das Wei­ter­machen, weil es »keine kon­ti­nu­ierlich arbei­tende Zeit­schrift aus unserem Umfeld gab«.

1998 fiel die Ent­scheidung, den bis­he­rigen Unter­titel »behörden- und unter­neh­mer­un­freundlich« durch »ost­deutsche Zeit­schrift« zu ersetzen. Es habe sich um eine poli­tische Posi­tio­nierung gehandelt, betont Teschner. »Der Unter­titel wurde aber auch als Abgrenzung zu West­gruppen, wie den Wohl­fahrts­aus­schüssen, gewählt, die alle DDR-Bür­ge­rInnen unter den Gene­ral­ver­dacht stellten, unde­mo­kra­tisch und ras­sis­tisch zu sein.« Die Wohl­fahrts­aus­schüsse waren ein loses Bündnis von über­wiegend west­deut­schen Anti­fa­gruppen und Künst­le­rInnen, die in den 90er Jahren mit Kon­zerten und poli­ti­schen Ver­an­stal­tungen gegen die rechte Dominanz in ver­schie­denen ost­deut­schen Städten agierten.
Für Kamil Majchrzak spielten bei dieser Aus­ein­an­der­setzung auch Ent­täu­schungen und Neid von Ost- und West­linken eine große Rolle. »Die linke Oppo­si­ti­ons­be­wegung war 1989 auf der Straße, und die West­linke hat weit­gehend zuge­guckt«, skiz­ziert der am Zentrum für Euro­päische Rechts­po­litik (ZERP) in Bremen arbei­tende Rechts­wis­sen­schaftler die Rol­len­ver­teilung. Majchrzak ist in Polen geboren und lebte mit seinen Eltern in den 80er Jahren mehrere Jahre in der DDR. Als er 1995 zum Studium nach Berlin zurück­kehrte, suchte er den Kontakt zum tele­graph, weil ihm der besondere Blick auf die ost­eu­ro­päi­schen Oppo­si­ti­ons­be­we­gungen sym­pa­thisch war. Majchrzak, der auch für die pol­nische Ausgabe der Le Monde diplo­ma­tique arbeitet, wurde 1997 Redak­ti­ons­mit­glied. Er hat den tele­graph zunehmend für linke Theo­rie­de­batten geöffnet. So über­setzte er für die aktuelle Ausgabe ein Gespräch des in Polen gebo­renen Phi­lo­sophen Zygmunt Baumann über dessen Hoff­nungen und Ent­täu­schungen mit der Volks­re­publik Polen; mit dem fran­zö­si­schen His­to­riker Enzo Tra­verso führte er ein Interview über den Bedeu­tungs­wandel des Anti­fa­schismus.

Ein reines Theo­rie­organ soll der tele­graph auch in Zukunft nicht werden, betont Majchrzak. In der aktu­ellen Ausgabe ist der Mix aus Theorie und Praxis gelungen. Dort zieht der Stadt­so­ziologe Andrej Holm eine ernüch­ternde Bilanz von 20 Jahre Stadt­sa­nierung in Prenz­lauer Berg: »All die Auf­wer­tungs­pro­gnosen der Ver­gan­genheit haben sich erfüllt – aber ‚recht haben‘ ist keine Kate­gorie des poli­ti­schen Erfolges. Leider.«

Der Publizist Helmut Höge erinnert an die ost­deutsche Betriebs­rä­te­initiative, die bis Mitte der 90er Jahre nicht immer erfolglos gegen die Abwicklung von DDR-Betrieben kämpfte. Die Geschichts­stu­dentin Chris­tiane Mende wirft einen dif­fe­ren­zierten Blick auf das Leben der Arbeits­mi­gran­tInnen in der DDR. Obwohl für sie im wie­der­ver­ei­nigten Deutschland kein Platz sein sollte, haben es manche durch ver­schiedene Formen von Resistenz doch geschafft zu bleiben.

Zwi­schen Häu­ser­kampf und Antifa
Und der Prenzlberger Blogger und Rapper Jenz Steiner beschreibt seine Poli­ti­sierung als Jugend­licher in den frühen 90ern zwi­schen Haus­be­set­zungen und Antifa-Demons­tra­tionen. »Der wilde Aktio­nismus der Pubertät ist bei fast allen ver­pufft. Ihre linke, huma­nis­tische und frei­den­ke­rische Grund­haltung haben sie sich hin­gegen bewahrt«, schreibt Steiner über seine Jugend­freunde von Prenz­lauer Berg. Damit hätte er auch den tele­graph im Jahr 2010 beschreiben können.

tele­graph 120/121: »Geschei­terte Revo­lu­tionen«. 160 Seiten, 6 €.

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Peter Nowak

Keine Tea-Party-Bewegung in Deutschland

Ein René Stadt­kewitz, der sich an den Rechts­po­pu­listen und Islam­gegner Geert Wilders hängt, kann der Union sowenig gefährlich werden, wie seine weit­gehend ver­ges­senen Vor­gänger
Der Ber­liner CDU-Poli­tiker Stadt­kewitz war bisher bun­desweit kaum bekannt. Als bau­po­li­ti­scher Sprecher seiner Fraktion kann man sich wohl auch kaum pro­fi­lieren. Die Frage, warum er die CDU nun unwi­der­ruflich ver­lässt und dann doch als Par­tei­loser in der Uni­ons­fraktion im Ber­liner Abge­ord­ne­tenhaus bleibt, war im letzten Jahr vor allem für die Ber­liner CDU- Fraktion von Interesse. Nach der Som­mer­pause soll er jetzt nach den Willen der Uni­ons­spitze auch die Fraktion ver­lassen und wäre dann als Par­tei­loser zu einen Hin­ter­bänk­ler­dasein im Abge­ord­ne­tenhaus ver­ur­teilt.
 

Ob die CDU damit »ihren Marsch in die Bedeu­tungs­lo­sigkeit fort­setzt«, wie es auf der anti­is­la­mi­schen Homepage Poli­ti­cally Incorrekt pro­phezeit wird, ist unwahr­scheinlich. Eher dürfte die Cha­rak­te­ri­sierung auf Stadt­ke­witzs weitere poli­tische Zukunft zutreffen.

Wilders knüpft Netz­werke

Doch in den nächsten Wochen dürfte sich der Bekannt­heitsgrad von Stadt­kewitz kurz­zeitig erhöhen. Der unmit­telbare Anlass für die Aus­schluss­drohung ist seine Ein­ladung an den hol­län­di­schen Rechts­po­pu­listen und Islam­hassers Geert Wilders, der am 2. Oktober in Berlin sein anti­is­la­mi­sches Netzwerk knüpfen will. Seit Ziel ist es, solche Bewe­gungen in Frank­reich, Holland, Groß­bri­tannien und den USA besser zu ver­netzen.

Nach dem Erfolg seiner Frei­heits­partei bei den letzten Wahlen hat er sich sehr schnell für eine über­re­gionale Zusam­men­arbeit der Anti­is­lam­be­wegung ent­schieden. Das hat unter­schied­liche Gründe. Einer­seits ist Wilders Partei extrem hete­rogen und ganz auf ihn zuge­schnitten. Strei­te­reien und Spal­tungen sind abzu­sehen. Zudem konnte Wilders sein voll­mun­diges Ver­sprechen, in Holland könne niemand gegen seine Partei regieren, nicht ein­lösen. Es wird zumindest ohne seine Partei regiert, weil die hol­län­di­schen Christ­de­mo­kraten eine Koope­ration durchaus aus Eigen­in­teresse ver­wei­gerten. Sie brauchen nur auf den Zer­falls­prozess solcher rechts­po­pu­lis­ti­schen Bewe­gungen zu warten. Ein gutes Bei­spiel lie­ferte in Deutschland die Schill-Partei. Zudem drängte Wilders auf eine län­der­über­grei­fende Koope­ration, weil mitt­ler­weile unter­schied­liche poli­tische Kräfte unter der Marke Islam­kritik eine neue rechte Bewegung auf­bauen wollen.

Rechter Kon­kur­renz­kampf um die Marke Islam­kritik

In Deutschland hat hier die Pro-Bewegung schon Spuren hin­ter­lassen. Auf einem Par­teitag Mitte Juli im Ber­liner Rathaus Schö­neberg wollte sie sich als rechts­de­mo­kra­tische Kraft pro­fi­lieren und von der unge­liebten rechten Kon­kurrenz aus der NPD abgrenzen. In Nord­rhein-West­falen, wo die Pro-Bewegung ihre poli­ti­schen Wurzeln hat, ist die Kon­kurrenz mitt­ler­weile in eine inner­rechte Feind­schaft umge­schlagen.

Der Pro-Bewegung wird man zudem diese Abgren­zungen nach Rechts­außen nicht abnehmen. Schließlich kommen einige ihrer Spit­zen­funk­tionäre aus der Deut­schen Liga für Volk und Vaterland, die sich von den Repu­bli­kanern abspaltete, weil ihnen die zu ver­bür­ger­licht waren. Zudem kann sich eine Partei kaum glaub­würdig nach Rechts­außen abgrenzen, wenn sie mit Andreas Molau gleich­zeitig einen Mit­streiter auf­bietet, der noch vor kurzem in füh­renden Funk­tionen der NPD aktiv war und dort im inner­par­tei­lichen Macht­kampf unter­legen ist.

Auch der zunächst als Finanzier in der Pro-Bewegung umworbene Patrik Brinkmann kann seine Abgrenzung nach Rechts kaum glaub­würdig ver­treten, wo er doch noch vor Monaten die Deutsche Volks­union sanieren wollte, die sich in ihrer Geschichte mal mit der NPD stritt, dann wieder koope­rierte und jetzt mit ihr fusio­nieren will.

Nun hat die Pro-Bewegung nicht nur eine Kon­kurrenz am rechten Rand. Mit der beab­sich­tigten Aus­dehnung der Wilders-Bewegung erwächst ihr ein Kon­kurrent im rechts­po­pu­lis­ti­schen Spektrum. Denn die Pro-Bewegung hat, wie auf ihrer Homepage ersichtlich, gute Kon­takte zur öster­rei­chi­schen FPÖ, zum bel­gi­schen Vlaams Belang und zur Schweizer SVP, nicht aber zu der hol­län­di­schen Wilders-For­mation. Das dürfte sich auf absehbare Zeit nicht ändern. Dabei sind es weniger inhalt­liche Dif­fe­renzen sondern per­sön­liche Eitel­keiten und Macht­spielchen, die die Zer­split­terung im rechten Lager kenn­zeichnen.

Lack­mustest Israel?

Man wird wohl in den nächsten Monaten auch in Deutschland das Schau­spiel erleben, dass sich zwei rechts­po­pu­lis­tische Bewe­gungen unter der Marke Islam­kritik kräftig streiten werden. Dabei werden beide den Anspruch erheben, eine rechts­de­mo­kra­tische Alter­native zu sein. Ihre Distanz zur äußersten Rechten werden beide Grup­pie­rungen mit ihrem posi­tiven Bezug auf Israel zu ver­deut­lichen ver­suchen.

Wilders hat schon ange­kündigt, dass er mit dem Bekenntnis zu Israel die äußerste Rechte fern­halten will. Die Pro-Bewegung, die seit einiger Zeit ähn­liches ver­kündet, wird damit größere Schwie­rig­keiten haben. Denn in Deutschland ist mit dem Bekenntnis zu Israel auch eine Posi­tio­nierung zur deut­schen Ver­gan­genheit und ihrer Bewäl­tigung ver­bunden, die die Rechts­po­pu­listen noch in große Debatten stürzen dürfte.

Stadt­kewitz, Nitzsche, Hohmann, Hähner

Deshalb dürfte es auch dieses Mal nichts werden mit einer neuen rechten Partei oder zumindest Bewegung jen­seits der Union. Dabei handelt es sich um einen alten Wunsch­traum rechter Netz­werker und Publi­zisten. Dafür setzt sich noch immer ein Henry Nitzsche in Sachsen mit seinem Bündnis für Arbeit, Familie und Vaterland ohne große öffent­liche Resonanz ein. Der ehe­malige CDU-Bun­des­tags­ab­ge­ordnete war nach seinem Aus­tritt aus der Union im Jahr 2006 zum Hoff­nungs­träger einer neuen rechten Bewegung geworden (CDU-Provinz-Wahl­kampf von Rechts­außen). Nitzsche, der mit Sprüchen gegen »einen deut­schen Schuldkult« für Auf­sehen sorgte, hat auch den Anti­is­la­mismus als Mobi­li­sie­rungs­thema ent­deckt.

Auch der frühere Fuldaer CDU-Rechts­außen Martin Hohmann ist ein Bei­spiel dafür, wie rechte CDU-Poli­tiker nach dem Verlust ihres Reso­nanz­feldes Partei im poli­ti­schen Nirwana ver­schwinden. Hohmann kämpft, wie auf seiner Homepage ersichtlich, mit »Gott, Familie und Vaterland« wei­terhin juris­tisch gegen seinen CDU-Aus­schluss. Unter der Rubrik Aktu­elles findet sich noch immer sein Soli­da­ri­täts­brief von 2007 mit dem mitt­ler­weile in Sünde gefal­lenen Bischof Mixa.

Das ist sicher nicht das Per­sonal für eine neue rechte Tea-Party-Bewegung. Nach dem Vorbild der USA, wo eine solche hete­rogene rechte Bewegung nicht nur die Obama-Regierung, sondern auch die mode­raten Kräfte in der Repu­bli­ka­ni­schen Partei unter Druck setzt, hoffen auch manche Rechte in Deutschland auf Nach­ahmer. Dass der Chem­nitzer CDU-Funk­tionär Kai Hähner Schwule als abnormal bezeichnete und Beifall von der NPD bekam, zeigt, dass es innerhalb der Union wei­terhin offen rechte Posi­tionen gibt.

Aber die Per­so­nalien Stadt­kewitz, Nitzsche, Hohmann, Hähner machen auch deutlich, dass sie der Union von außerhalb keine Kon­kurrenz machen können. Sie sorgen für kurze Medi­en­skandale, die Union kann sich von ihnen abgrenzen und damit deutlich machen, dass sie in der Moderne ange­kommen ist. Mit ihrer Trennung von Stadt­kewitz demons­triert die Ber­liner Union nicht nur die offi­zielle Trenn­linie nach Rechts­außen, sondern signa­li­siert auch, dass sie auch wei­terhin bünd­nis­offen bis hin zu den Grünen ist.

Stadt­kewitz hin­gegen dürfte nach dem Wilders-Besuch in bestimmten Szenen und auf bestimmten Inter­net­foren jen­seits der Öffent­lichkeit als Held der Freiheit verehrt werden. Ansonsten dürfte er mit Hohmann, Nitzsche und Co. das Schicksal teilen, dass er der Öffent­lichkeit egal ist.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​r​4​/​a​r​t​i​k​e​l​/​3​3​/​3​3​0​3​9​/​1​.html

Peter Nowak

Endlich weniger zahlen für Strom und Gas

Neues Buch gibt Tipps für die Stärkung der Ver­brau­cher­macht auf dem Ener­gie­sektor
Welcher Ver­braucher will nicht weniger für Strom und Gas bezahlen? Jetzt haben Aribert Peters und Leonora Holling ein Nach­schla­gewerk her­aus­ge­bracht, dass den Strom- und Gas­kunden in Deutschland beim Sparen helfen soll. Her­aus­ge­geben wurde das Buch vom Bund der Ener­gie­ver­braucher e. V.. In der bun­desweit ersten Inter­es­sen­ver­tretung für Ener­gie­ver­braucher sind laut Eigen­an­gaben über 13 000 private und klein­ge­werb­liche Ver­braucher orga­ni­siert. Bun­desweit bekannt wurde das Bündnis, als es Ver­braucher mit seiner Hilfe schafften, durch Klagen zu viel gezahltes Geld vom Gas- und Strom­ver­sorger zurück zu bekommen.
Han­dy­nummer ein­tragen und mit Glück und Geschick gewinnen: »hier klicken« Die gesetz­lichen Grund­lagen der Ver­brau­cher­macht spielen im Buch eine zen­trale Rolle. Es wird beschrieben, dass die Ener­gie­kon­zerne gesetzlich zur »bil­ligen Preis­ge­staltung« ver­pflichtet sind. Die Bil­lig­keits­prüfung soll den End­ver­braucher als schwä­cheren Ver­trags­partner davor schützen, durch Preis­ab­sprachen der Kon­zerne über­vor­teilt zu werden. Sowohl im EU-Recht als auch im Bür­ger­lichen Gesetzbuch sind die Grund­lagen dafür zu finden, wie die Autoren kennt­nis­reich belegen: »Laut § 315 des Bür­ger­lichen Gesetz­buches (BGB) muss die Partei eines Ver­trags, der das ein­seitige Preis­be­stim­mungs­recht zusteht, dieses ange­messen (billig) ausüben. Gege­be­nen­falls kann die Partei, die den Preis nicht bestimmt, ein deut­sches Gericht anrufen, damit dieses die Ange­mes­senheit der Preise über­prüft.«

Dabei gelingt es den beiden Autoren, juris­tisch kom­plexe Sach­ver­halte in einer Sprache zu ver­mitteln, die auch von Men­schen ohne höhere Schul­bildung ver­standen wird. Mit vielen Schau­tafeln und einer leser­freund­lichen Schrift zeigen sie die Schritte auf, die Ver­braucher gehen müssen, wenn sie ihre eigenen Strom- und Gas­preise über­prüfen oder sogar kürzen wollen.

Die Autoren ver­schweigen aber auch die Risiken nicht: »Sie gehen, damit in eine strittige Aus­ein­an­der­setzung mit ihrem Ener­gie­ver­sorger, die Zeit und Nerven kostet. Im schlech­testen Fall unter­liegen sie, wenn der Ver­sorger vor Gericht auf Zahlung klagt.« Es spricht für die Her­aus­geber, dass sie deutlich machen, dass man auf dem Rechtsweg auch ver­lieren kann. Die Autoren infor­mieren auch über weitere Pro­test­mög­lich­keiten, die die Ener­gie­kunden haben. So wird erklärt, wie der Kunde auf Abrech­nungs­fehler reagieren und wie er Zah­lungs­rück­stände aus­gleichen kann.

Auch wenn Gas und Strom bereits gesperrt sein sollten, muss der Betroffene nicht im Dunklen und im Winter sogar im Kalten sitzen. Die Ver­fasser machen die Leser mit einem wenig bekannten Grund­recht auf Ener­gie­ver­sorgung bekannt, das sich auf den EU-Vertrag von Lis­sabon stützt. Dort heißt es in Artikel 34 E: »Um die soziale Aus­grenzung und Armut zu bekämpfen, aner­kennt und achtet die Union das Recht auf eine soziale Unter­stützung und eine Unter­stützung für die Wohnung, die allen, die nicht über aus­rei­chende Mittel ver­fügen, ein men­schen­wür­diges Dasein sicher­stellen sollen.« Einige Seiten weiter skiz­ziert das Buch die bun­des­deutsche Rea­lität, die mit diesen hehren Grund­sätzen kol­li­diert. Es gibt jährlich tau­sende Strom und Gas­sper­rungen, die aller­dings nur dann Schlag­zeilen machen, wenn sie zu schweren gesund­heit­lichen Schäden des Ver­brau­chers führen.

Auch in diesem Kapitel gibt es weitere nütz­liche Tipps, so auch dafür wie eine dro­hende Sperre noch abge­wendet werden kann. Hilf­reich für die Betrof­fenen sind die Doku­mente im knapp 60-sei­tigen Anhang. Dort sind Mus­ter­be­schwer­de­briefe ebenso abge­druckt wie Adressen von Initia­tiven, bei denen sich der Ver­braucher Rat und Hilfe holen kann.

Dr. Aribert Peters, Leonora Holling: Energie für Ver­braucher, Weniger zahlen für Strom und Gas, Bund der Ener­gie­ver­braucher 2010, 283 Seiten, 18,50 Euro (14 Euro für Ver­eins­mit­glieder), zu bestellen auf der Seite www​.ener​gienetz​.de/​d​e​/​s​i​t​e​/​V​e​r​e​i​n​/​E​n​e​r​g​i​e​-​f​u​e​r​-​V​e​r​b​r​a​u​c​h​e​r​_​_​2672/

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Peter Nowak