Filme zum 2. Juni 1967

Gegen die Ent­sorgung linker Geschichte
Die »Bibliothek des Wider­stands« des Laika-Verlags liefert Bau­steine für eine linke Geschichts­schreibung.
Jahr­zehnte galt der 2. Juni 1967, der Tag, als der Student Benno Ohnesorg bei einer Demons­tration gegen den Schah erschossen wurde, als Geburts­stunde der Neuen Linken in der BRD. Nachdem 2009 bekannt wurde, dass der Schütze Karl-Heinz Kurras für die Stasi gear­beitet hat und sogar SED-Mit­glied gewesen sein soll, schien ein wei­terer linker Mythos geknackt. Sogar die Frage, ob die Gescheh­nisse im Juni 1967 eine Insze­nierung der DDR waren, wurde in manchen Medien gestellt. Der Laika-Verlag stellt im Rahmen seiner »Bibliothek des Wider­stands« eine Gedächt­nis­stütze gegen die geschicht­liche Amnesie bereit. Das anspre­chend gestaltete Buch enthält Texte von poli­ti­schen Akti­visten der ver­gan­genen Jahr­zehnte, die den 2. Juni 1967 in den gesell­schaft­lichen und his­to­ri­schen Kontext stellen. »Was für ein Land. 22 Jahre nach dem Zusam­men­bruch des Faschismus? An seiner Spitze steht mit Kurt-Georg Kie­singer ein ehe­ma­liges NSDAP-Mit­glied, in sechs seiner Landtage sitzen Abge­ordnete der neo­fa­schis­ti­schen NPD«, resü­mieren die Her­aus­geber im Vorwort. Dass sich nicht nur die Stu­die­renden radi­ka­li­sierten, zeigen die im Buch von Publi­zisten Uwe Soukup doku­men­tierten zeit­ge­schicht­lichen Texte der Publi­zisten Sebastian Haffner und Karl-Heinz Bohrer. »Die vor einer Woche am Opernhaus ein­ge­setzte Polizei hat nicht nur im Affekt, sondern ohne gra­vie­rende Not­wen­digkeit, mit Planung und Bru­ta­lität den Lauf gelassen, wie sie bisher nur aus Zei­tungs­be­richten über faschis­tische oder halb­fa­schis­tische Länder bekannt wurde. Das schrieb nicht das Neue Deutschland, sondern die FAZ am 12. Juni 1967.«

Ambi­tio­niertes Pro­gramm
Auf der im Buch ein­ge­hef­teten DVD sind die mit »Der 2. Juni 1967« von Thomas Giefer und Hans-Rüdiger Minow und »Der Poli­zei­staats­besuch« von Roman Brodmann zwei zen­trale fil­mische Doku­mente über jene Zeit ent­halten. Während Giefer und Minow die Ereig­nisse rund um das Opernhaus nach­zeichnen und die Aus­sagen von Augen­zeugen über Poli­zei­gewalt doku­men­tieren, zeigt Brodmann mit viel Ironie, wie die BRD für den Schah­besuch einen uner­klärten Aus­nah­me­zu­stand insze­nierte, der einen Vor­ge­schmack auf die 1970er Jahre lie­ferte. Sehr auf­schluss­reich sind die auf der DVD doku­men­tierten Kom­mentare der Aktu­ellen Kamera und des Senders Freies Berlin.

Buch und Film zum 2. Juni sind nur ein Bei­spiel im Sor­timent des Ham­burger Laika-Verlags. Mehr als 100 Filme und Bücher sind im Rahmen der Bibliothek des Wider­stands in Vor­be­reitung. Bereits erschienen ist eine Film­bio­grafie zu Angela Davis sowie »Der Schrei im Dezember«, ein Film­essay über die Jugend­re­volte 2008 in Grie­chenland. Am 3. Juni um 19 Uhr hat in der Laden­ga­lerie der Tages­zeitung junge Welt in Berlin der Film »Krawall« von Jürg Hassler Pre­mière. Der Prot­agonist der Züricher Jugend­un­ruhen 1980 erinnert an eine Bewegung mit großer Aus­strah­lungs­kraft.

»Geschichts­be­trachtung ist in Deutschland immer mit Revanche ver­bunden. Die Revanche will immer die Sicht im Interesse der herr­schenden Macht fest­klopfen«, schreibt der Mit­be­gründer des Laika-Verlags Karl-Heinz Dellwo. Die Bibliothek des Wider­standes liefert ein Gegen­pro­gramm, dem viel Unter­stützung zu wün­schen ist. Die Film­bücher können über die Homepage bestellt oder abon­niert werden.

www​.laika​-verlag​.de

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Peter Nowak