Die leere Mappe

Depor­tiert aus Nor­wegen: Kathe Lasnik
Hätte mich nicht eines Tages die E-Mail eines Kol­legen erreicht, der am Inter­na­tio­nalen Straf­ge­richt in Den Haag arbeitete, wäre ich auf das Schicksal von Kathe Lasnik wohl nie auf­merksam geworden«, berichtet der schwe­dische Phi­losoph Espen Søbye ein­gangs seines Buches, das vor sieben Jahren in Nor­wegen für große Auf­regung sorgte. Denn der Geis­tes­wis­sen­schaftler liefert anhand der Bio­grafie von Kathe Lasnik, die 1942 mit 15 Jahren als Jüdin mit ihrer Familie nach Auschwitz depor­tiert und ermordet worden ist, unleugbare Beweise für die Zusam­men­arbeit nor­we­gi­scher Behörden mit den deut­schen Faschisten. Søbye zeigt zudem, wie sich hohe Beamte in Polizei und Ver­waltung, die sich der Kol­la­bo­ration schuldig gemacht haben, nach 1945 auf angeb­liches Staatswohl beriefen und wie sie in der Regel unge­straft davon­kamen und sogar weiter Kar­riere machten.

Der Autor hatte zunächst beim Sta­tis­ti­schen Zen­tralamt nur eine leere Mappe vor­ge­funden, als er nach dem Schicksal von Kathe Lasnik zu recher­chieren begann. Darin hatte sich einzig ein Umschlag mit ihrem Namen und einer Nummer befunden, »nicht mehr«. Der einzige Hinweis, dass es sie gegeben hat. Ihr Name ist heute auf dem Mahnmal für die 620 während der deut­schen Besatzung ermor­deten Juden in Oslo ver­ewigt.

In müh­se­liger Recherche rekon­stru­ierte Søbye das Leben ihrer Eltern, die 1908 aus den bal­ti­schen Staaten nach Nor­wegen ein­ge­reist waren. Der Vater enga­gierte sich zunächst in der Gewerk­schaft, ehe er sich als Klempner selbst­ständig machte. Detail­liert zeigt Søbye auf, wie die Familie schon Ende der 20er Jahre mit dem auf­kom­menden Anti­se­mi­tismus in der nor­we­gi­schen Gesell­schaft kon­fron­tiert wurde. »Der Tier­schutz­verein, dem der Poli­zei­prä­sident von Aker vor­stand, wollte den Juden per Gesetz ver­bieten, die Tiere nach her­ge­brachter Sitte und im Ein­klang mit ihren reli­giösen Vor­schriften zu schächten.« Als es dagegen Pro­teste gab, wet­terte der Vor­sit­zende der ein­fluss­reichen Bau­ern­partei: »Wir sind nicht ver­pflichtet, unsere Haus­tiere den jüdi­schen Grau­sam­keiten aus­zu­liefern, wir haben die Juden nicht in unser Land ein­ge­laden.« Aus diesen Kreisen rekru­tierten sich die Rechts­kräfte, die sich früh für ein enges Bündnis mit Nazi­deutschland aus­sprachen. Unter der vom nor­we­gi­schen Offizier Vidkum Quisling gebil­deten Kol­la­bo­ra­ti­ons­re­gierung hatten sie bald freie Hand. Die nor­we­gi­schen Juden gehörten zu ihren Opfern.

»Die 15-jährige Kathe Lasnik hatte weder Zeit noch Gele­genheit, wie Anne Frank ihre Gedanken und Gefühle ange­sichts der dro­henden Ver­nichtung auf­zu­schreiben. Von ihrer Ver­haftung am 26. November 1942 in Oslo bis zu ihrem Tod in Auschwitz blieben ihr nur fünf Tage«, schrieb der unlängst ver­storbene ND-Redakteur Jochen Reinert im Nachwort zur deut­schen Ausgabe. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Buch auch in Deutschland viel Auf­merk­samkeit erfährt. Denn trotz aller Hilfs­dienste nor­we­gi­scher Beamter – ver­ant­wortlich auch für den Tod von Kathe Lasnik sind deutsche Nazis.

Espen Søbye: Kathe. Depor­tiert aus Nor­wegen. Verlag Asso­ziation A, Berlin/​Hamburg 2009. 192 S., br., 18 €.

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